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Die Stadtwerke Karlsruhe haben untersucht, inwiefern die geplanten EU-Freihandels- und Investitionsabkommen mit Kanada (CETA) und den USA (TTIP) sowie das plurilaterale Dienstleistungsabkommen TiSA Auswirkungen auf die kommunale Wasserversorgung haben. Das Ergebnis der Untersuchung, das mit Verbänden und Fachleuten abgestimmt wurde, zeigt, dass die Wasserwirtschaft in Deutschland sehr wohl von CETA und TTIP betroffen wäre. Zu TiSA gibt es bisher so wenige aktuelle Informationen, dass keine Aussage möglich ist.

Die Untersuchung basiert auf von der EU-Kommission im Internet offiziell veröffentlichten Originaldokumenten sowie auf umfangreichen Recherchen, mit denen Wolfgang Deinlein, Mitarbeiter im Bereich Trinkwasser-Qualitätssicherung und Umweltschutz, bereits im Jahr 2013 begonnen hat. „Wir wollen einen Beitrag leisten zu einer sachlichen Diskussion und einem vertieften Verständnis der geplanten Abkommen in Bezug auf die kommunale Wasserwirtschaft. Denn die Folgen dieser Freihandelsabkommen für die Wasserversorgung sind unter Umständen gravierend und in der Bevölkerung bisher kaum bekannt“, so Prof. Matthias Maier, Leiter der Karlsruher Trinkwasserversorgung.

 

CETA-Investitionsschutz

Der im CETA-Abkommen enthaltene Investitionsschutz würde ausländischen Investoren Sonderrechte gegenüber nur im Inland tätigen Unternehmen wie den Stadtwerken Karlsruhe gewähren. Diese Sonderrechte könnten sich auch auf die Erteilung von Wasserrechten auswirken und den behördlichen Ermessensspielraum zugunsten von ausländischen Investoren einschränken. Denn CETA stuft Wasserrechte grundsätzlich als Investitionen ein. So könnte Wasser durch die Hintertür letztlich zu einer Ware in privaten Händen werden. Die Stadtwerke Karlsruhe wären zum Beispiel dann nachteilig betroffen, wenn ein bereits 

niedergelassenes ausländisches Unternehmen um ein Grundwasservorkommen konkurriert, das auch von den Stadtwerken für die Trinkwasserversorgung genutzt wird. Darüber hinaus könnte sich der CETA-Investitionsschutz zum Beispiel auch bei der Ausweisung von Wasserschutzgebieten sehr nachteilig für die Stadtwerke und damit für die Karlsruher Bevölkerung auswirken. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn eine drohende Investitionsschutzklage eines ausländischen Investors die Ausweisung eines Wasserschutzgebietes verhindert.

 

Mangelnder Schutz für das EU-Vorsorgeprinzip

Das in der EU und Deutschland geltende Vorsorgeprinzip, nach dem vor der Zulassung eines Stoffes nachgewiesen werden muss, dass von ihm keine beträchtlichen Gefahren ausgehen, ist in den USA und Kanada rechtlich nicht verankert. Auch in den Handelsabkommen wird das Vorsorgeprinzip nicht ausreichend berücksichtigt. Für die Wasserversorger ist der vorsorgende Schutz des Grundwassers aber unverzichtbar, da Verschmutzungen im Nachhinein, wenn überhaupt, nur unter großem Aufwand und zu entsprechenden Kosten wieder beseitigt werden können.

 

Lückenhafte Ausnahmen von der Liberalisierung

Für die kommunale Wasserversorgung in Deutschland ist eine vollständige und rechtssichere Ausnahme von den Liberalisierungsbestimmungen von zentraler Bedeutung. Nur so wird gewährleistet, dass kommunale Wasserversorger auch in Zukunft ihrem Auftrag zur Daseinsvorsorge uneingeschränkt nachkommen können. Doch TTIP und CETA weisen dazu eine Reihe von Lücken auf. Durch die Hintertür der Freihandelsabkommen könnte so erneut verstärkter Druck zur Liberalisierung und damit zur Privatisierung der Wasserversorgung aufkommen. Erst 2013 hatte ein EU-Richtlinienvorschlag zur Konzessionsvergabe zu einem langen Ringen und schließlich – insbesondere aufgrund des Drucks der erfolgreichen Europäischen Bürgerinitiative Right2Water – zu einer einstweiligen Herausnahme der Wasserwirtschaft von den Liberalisierungsbestimmungen geführt.

 

„Die öffentliche Trinkwasserversorgung muss vollkommen aus den Freihandelsabkommen herausgenommen werden. Wir müssen weiterhin frei über die Wasserrechte verfügen können, ohne dass ein Risiko für Schadensersatzforderungen entsteht. Die Versorgung der Bevölkerung mit gesundem Trinkwasser muss weiterhin Vorrang haben vor allen anderen Interessen“, so Maier weiter. Daher werden die Stadtwerke mit den Verbänden weitere Aufklärungsarbeit in Sachen Handelsabkommen leisten. „Die Sachverhalte sind sehr komplex, nur wenige Experten kennen sie genau. Die Bevölkerung muss besser über die möglichen Folgen informiert werden“, betont der Leiter der Karlsruher Wasserversorgung.

 

Weitere Informationen unter: www.stadtwerke-karlsruhe.de/swk/presse/meldungen/2016/20160607.php


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Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Treffen die Worte von Mahatma Gandhi zu, ist Deutschland eine echte Hochkultur und ein wahres Paradies für Heimtiere. Geht es um die tierischen Begleiter, sitzt der Geldbeutel besonders locker. Futter, Käfige, Halsbänder, Arztbesuche, Urlaubs-Pensionen, Hunde-Schulen – für all das und noch viel mehr geben die Deutschen über 9,1 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 0,32 Prozent, laut einer mit „Wirtschaftsfaktor Heimtierhaltung“ überschriebenen Studie der Universität Göttingen. Diese weist auch nach, dass dadurch 200000 Arbeitsplätze entstanden sind.

Und ein Ende ist nicht in Sicht. Für 2015 vermeldet der Industrieverband Heimtierbedarf ein Wachstum von 2,2 Prozent. Der Star dabei ist der Hund. Über Mangelernährung kann der sich wahrlich nicht beklagen. Um 4,6 Prozent legte der Markt für Hundefutter im Vorjahr zu. In absoluten Zahlen sind das über 1,3 Milliarden Euro und wenn das Wachstum so weiter geht, ist er bald Umsatzprimus. Den Titel trägt noch der „ewige Rivale auf vier Pfoten“, die Katze. Für 1,6 Milliarden Euro geht derzeit Katzennahrung über die Ladentheke. Und das, obwohl hierzulande deutlich häufiger Gemiaut wird als Gebellt (12,9 Millionen zu 7,9 Millionen).

Bei der Betrachtung des Gesamtmarktes hat Bello längst die Mieze abgehängt. Die Göttinger Wissenschaftler beziffern den Umsatz der Hundehaltung auf 4,6 Milliarden Euro (Katzen: 3,3 Milliarden Euro), das sind mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der Heimtierbranche. Ein Segment boomt dabei besonders, das mit der gesunden Ernährung. Futter in Lebensmittelqualität mit Rohstoffen aus der Region und ohne Zusatzstoffe, das ist ein unbestreitbarer Trend. „Ich ernähre mich gesund, also soll mein Hund das auch“, beschreibt Anna Jetter vom Auenland-Konzept in Geislingen das. Die Futtermanufaktur für Tiernahrung verzeichnet ein steigendes Interesse an solchen Produkten. „Vor allem sind die Besitzer deutlich besser informiert und hinterfragen vieles kritisch.“ Dem trägt das Auenland-Konzept Rechnung. Zwei Mitarbeiterinnen tun nichts anders, als den ganzen Tag telefonische Ernährungsfragen zu beantworten. 

Steigt die Nachfrage, steigt ebenso das Angebot. Abzulesen an der Zahl der Start-ups. Einer davon ist Carnupuru – eine Wortschöpfung, die soviel wie „Pures Fleisch“ bedeutet. Pur bedeutet in dem Fall Hunde- und Katzenfutter in Lebensmittelqualität, ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker. Zwei Jahre investierte Gründer Sascha Traber in die Planung. Und was unternahm der Stuttgarter nicht alles im Vorfeld. Tüftelte lange Zeit gemeinsam mit Tierärzten an den richtigen Rezepturen herum, informierte sich ausgiebig bei Hundetrainern und löcherte jeden Hundebesitzer, der ihm über den Weg lief. „Es gibt zwar jede Menge Marktanalysen, aber der beste Weg die wahren Kundenwünsche herauszufinden, ist das persönliche Gespräch.“ Ein Prinzip, dem er treu bleibt. Nach jeder Bestellung ruft der 32-Jährige die Kunden an und holt sich die entsprechende Resonanz ein. „Natürlich funktioniert das irgendwann nicht mehr. Aber bis dahin habe ich hoffentlich schon genügend Informationen gesammelt.“
Die zahlreichen Neugründungen sieht Anna Jetter sehr gelassen: „Ich habe schon viele kommen und wieder gehen sehen.“ Auf jeden Fall kann sie auf eine Menge Erfahrung zurückblicken. Immerhin existiert das Auenland-Konzept bereits seit 14 Jahren. „Das ist kein leichtes Business, zu dem viel Herzblut und Wissen gehören.“ Immerhin fügt sie in typisch schwäbischem Understatement hinzu, dass man davon leben könne.

Damit ist auch schon die erste Gemeinsamkeit mit Carnupuru genannt. Sascha Treiber bezeichnet sich selbst als „schwäbischen Kassenwart“. So emotional das Thema ist, so rational betreibt der Betriebswirt das Geschäft. „Es muss sich rechnen“, ist einer seiner Lieblingssätze. Bestellungen unter 49 Euro – völlig unrentabel. Der Betriebswirt hat alles genau durchkalkuliert. Standardisierte Prozesse, Wachstum nicht um jeden Preis, Konzentration auf das Wesentliche, lauten seine Maxime. Letzteres heißt in seinem Fall Konzentration auf den Verkauf, seine Stärke. Alles andere ist vollautomatisiert oder an Dienstleister ausgelagert. Zum Pragmatismus gehört auch, dass er den Job als Einkäufer in der Automobilindustrie nicht aufgibt. „Das habe ich von meinen Großeltern gelernt, nicht alles auf eine Karte zu setzen.“
Auf jeden Fall scheint sein Plan aufzugehen. Seit rund drei Monaten ist er nun auf dem Markt. „Von Anfang an profitabel“, verkündet er nicht ohne stolz. Und die Anfangsinvestition von 10000 Euro habe sich wohl bis Mitte nächsten Jahres amortisiert. „Dazu brauchen andere deutlich länger.“

Der Geschäftsplan sieht ebenso für 2017 vor, den stationären Handel als weitere Verkaufsschiene zu gewinnen – allerdings beschränkt auf Bio-Märkte. Bisher setzt er auf den eigenen Online-Shop. Auch das eine Gemeinsamkeit mit dem Auenland-Konzept. „Solch ein Geschäftsmodell ist eigentlich nur möglich mit einem Direktverkauf“, weiß Anna Jetter aus ihrer langjährigen Praxis. Start-up und Auenland-Konzept teilen ebenfalls die Entstehungsgeschichte. Bei Sascha Traber waren es seine beiden Katzen, die auf konventionelles Futter allergisch reagierten, Hautauschschlag und Kratzattacken inklusive. „Ich dachte, das geht doch besser“. Beim Denken ist es bei ihm ebenso nicht geblieben wie bei der Gründerin vom Auenland-Konzept. Die Tierheilpraktikerin stellte immer häufiger den Zusammenhang industriell gefertigter Futtermittel und zahlreicher Beschwerden der vierbeinigen Patienten fest. Haarausfall, stumpfes Fell, Ohrenentzündungen, Durchfall, Verstopfung, Diabetes, Zahnausfall, Gelenkprobleme, Krebs –die Liste ist lang mit möglichen Folgen. „Nicht jedes Tier reagiert so, aber die Allergien nehmen wie beim Menschen zu“, so Anna Jetter.

Deshalb legen beide größten Wert auf beste Inhaltsstoffe und eine entsprechende Herstellung nach Lebensmittelstandard. Wenngleich sie dabei unterschiedliche Wege gewählt haben. Sascha Traber setzt komplett auf eine handverlesene Fremdproduktion. „Alles wird dabei von mir vorgegeben und zudem machen wir unabhängig davon noch eigene Analysen von jeder Charge.“ Dagegen setzt Anna Jetter auf die eigene Herstellung. Erst kürzlich investierte das Auenland-Konzept in eine neue Produktionsstätte. „Das menschliche Auge ist nach wie vor die beste Qualitätskontrolle.“
Und Qualität spielt eine immer größere Rolle, zumal „der Stellenwert von Hund und Katze inzwischen ein anderer ist“, haben beide festgestellt. Oder wie es die Studie der Universität Göttingen beschreibt: „Viele frühere Nutztiere oder gar ‚Schädlinge’ werden heute in der Wohnung gehegt und gepflegt, bereichern unser Leben und sind uns viel Wert.“   


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Eierlegender Sonntagsbraten

Die Turbo-Mast der Fleischindustrie ist unethisch, verdirbt den Geschmack und bedroht alte Hühnerrassen. Eine tierfreundliche Initiative betreibt nun die Rückkehr des "Zwiehuhns".

Siegbert Ochsenschläger nimmt vorsichtig eines der flauschigen gelben Vögelchen aus dem Kasten und setzt es Andrea Gallotti in die Hand. Die Gastronomin und FoodAktivistin aus Karlsruhe hat das Projekt mit den Sundheimern angestoßen. Es handelt sich um eine gefährdete Haustierrasse, die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gibt für 2013 die Zahl von 865 Hennen und 234 Hähnen an. 2014 wurde das Sundheimer Huhn von Slow Food Deutschland in die "Arche des Tiere - Geschmacks" aufgenommen. Diese internationale Initiative soll 3000 regional wertvolle Lebensmittel, Nutztierarten und Kulturpflanzen vor dem Vergessen und Verschwinden retten, die Liste reicht vom Ostheimer Leberkäs über das Bunte Bentheimer Schwein bis zum Bamberger Hörnla, einer Kartoffelsorte. Wenn alles klappt, werden die ersten Sundheimer im Herbst schlachtreif sein - und im Karlsruher Restaurant Erasmus auf den Teller kommen.

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GongTo / Shutterstock.com

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Adam Smith hat erkannt, dass traditionelles Unternehmertum dem Gemeinwohl dient. Ein Bäcker, der im Wettbewerb den Gewinn seiner Bäckerei maximiert, orientiert sich, so gut er kann, an den Bedürfnissen seiner Kunden. So trägt der Egoismus des Einzelnen zum „Wohlstand der Nationen“ bei, wie Adam Smith in seinem gleichnamigen Opus Magnum es beschreibt, schreiben Axel Ockenfels, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Köln, und Martin Schmalz, Assistenzprofessor an der Universität von Michigan, in der FAZ.

Doch die heutige Welt der Wirtschaft ist eine andere. Viele Bäckereien gehören nicht mehr den Bäckern. Fondsgesellschaften sind zu den größten Anteilseignern unzähliger Unternehmen geworden – oft auch von konkurrierenden Unternehmen derselben Branche. Die Vermögensverwalter Vanguard und Blackrock sind zum Beispiel die beiden größten Anteilseigner sowohl von Microsoft als auch von dem ärgsten Konkurrenten Apple. Dass sich große Teile der Eigentumsrechte ganzer Industrien in wenigen Fondsgesellschaften bündeln führt zu einer Inkongruenz zwischen dem Gewinninteresse einer Firma und dem seiner Eigentümer. Dies untergräbt den Wettbewerb und hemmt den Wohlstand der Nationen.

 

Jeweils 50 Prozent der Anteile

Weil große Vermögensverwalter Hunderte oder sogar Tausende Unternehmen in ihrem Portfolio führen, identifizieren sie sich nicht mit „ihrer“ Firma, wie es Adam Smiths Bäcker mit seiner Bäckerei getan hat. Sie interessieren sie sich nicht einmal für die Gewinne oder Risiken eines einzelnen Unternehmens. Relevant ist vielmehr der Wert ihres gesamten Portfolios. Wenn die Vermögensverwalter breit in einer Branche investiert haben, wird dieser aber nicht einfach dadurch maximiert, dass jedes Portfolio-Unternehmen egoistisch und aggressiv seinen eigenen Gewinn maximiert. Der Gewinn einer ganzen Branche ist im Gegenteil dann am größten, wenn der Drang jedes einzelnen Unternehmens, den anderen Unternehmen in derselben Branche Konkurrenz zu machen, wirksam ausgeschaltet wird.

Dabei ist die Geschäftsidee der Vermögensverwaltung durch Fondsgesellschaften ein Segen für Kleininvestoren und zunächst einmal unbedenklich. Die Reduktion von Risiken durch eine diversifizierte Eigentümerstruktur ist ja genau das, was wir bei der Anlage unseres Vermögens für die Altersvorsorge erwarten. Aber die damit einhergehende Fokussierung auf den Portfoliowert bedeutet einen Paradigmenwechsel in Märkten – jedenfalls wenn die neuen Eigentümerstrukturen den Egoismus des Einzelnen in neue Bahnen lenken.

Schauen wir zur Illustration nochmals auf unseren Bäcker und nehmen wir an, er kommt zusammen mit seinem größten Konkurrenten auf folgende Idee: Beide verkaufen jeweils ihre Bäckerei an einen neu zu gründenden Fonds, an dem sie beide jeweils 50 Prozent der Anteile halten. Damit wird das unternehmerische Risiko reduziert. Wenn nämlich meine Bäckerei abbrennt, besitze ich immer noch 50 Prozent der anderen Bäckerei.

Doch das Arrangement reduziert gleichermaßen den Wettbewerb. Warum sollte einer der Bäcker den Preis des anderen unterbieten, wenn er Anteile an der anderen Bäckerei hält? Von der Erhöhung des Marktanteils „seiner“ Bäckerei profitiert er zwar, aber spiegelbildlich leidet er unter dem Verlust des Marktanteils der anderen Bäckerei. Dazu kommt, dass bei gegenseitigem Unterbieten der Preise die Summe der Gewinne der beiden Bäckereien schrumpft. Dasselbe Kalkül gilt natürlich für den anderen Bäcker. Und dasselbe gilt auch, wenn zehn Bäcker ihre Anteile an einen Fonds verkaufen, im Tausch gegen 10 Prozent der Anteile am Bäckerei-Fonds. Und nichts anderes geschieht, wenn die Bäcker ihre Anteile am Fond an andere Anleger verkaufen. In all diesen Fällen wird die Struktur der Eigentümer so geändert, dass der Egoismus des Einzelnen nicht mehr verlangt, den Gewinn einer Firma zu maximieren, sondern den Gewinn einer ganzen Branche.

Dabei bedarf es übrigens keiner Preisabsprachen zwischen den Bäckern. Die neue Eigentümerstruktur ist ausreichender Anreiz, Konkurrenz im Keim zu ersticken. Sie lähmt die unsichtbare Hand von Adam Smith. Die Rechnung dafür zahlen die Nachfrager und die Gesellschaft. Geringerer Wettbewerb und höhere Preise reduzieren die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und den Wohlstand.

Das Bäckerbeispiel beschreibt, was in den globalen Finanzmärkten zunehmend im großen Stil passiert. Einige, meist amerikanische Fondsgesellschaften erhöhen schrittweise ihre Anteile an zahlreichen Unternehmen und lassen so gemeinsame Eigentümerstrukturen zwischen (ehemaligen) Konkurrenten entstehen. Dadurch erlangen sie nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit – und oft unbehelligt von Wettbewerbsbehörden – Einfluss auf das strategische Verhalten in wichtigen Märkten.

 

Wie ein Sandkastenspiel

Die Schlagkraft der Fondsgesellschaften ist dabei unvorstellbar groß. Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt, verwaltet etwa 4700 Milliarden Dollar. Das entspricht mehr als dem Doppelten der Marktkapitalisierung aller Dax-Konzerne zusammen. Vanguard verwaltet 3200 Milliarden Dollar, und auch Fidelity steht mit rund 2000 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen nicht weit hintenan.

Das Geld ist breit angelegt. In den Vereinigten Staaten ist Blackrock der größte Anteilseigner von einem Fünftel aller börsennotierten Unternehmen. In Deutschland ist Blackrock der größte Anteilseigner von mehr als einem Drittel der 30 Dax-Konzerne. Die Liste reicht von Adidas, Allianz, BASF und Bayer über die Deutsche Börse bis zu Siemens und Vonovia am Ende des Börsenalphabets. So teilen sich Blackrock und die anderen Fondsgesellschaften weltweit die oberen Rangplätze in der Liste der größten Anteilseigner vieler Unternehmen untereinander auf. Die „Deutschland AG“ verschwindet.

Tatsächlich mutet das Übernahmeangebot für den Augsburger Roboterhersteller Kuka aus China, das kürzlich heftige Diskussionen in Deutschland auslöste, im Vergleich zu dem Ausverkauf größter deutscher Unternehmen durch ausländische Fondsgesellschaften wie ein Sandkastenspiel an.

Doch mit der Eigentümerstruktur verändert sich auch das Wettbewerbsverhalten der Unternehmen, die sich in den Portfolios der Fondsgesellschaften befinden. Nehmen wir den Bankensektor. Blackrock ist der größte Anteilseigner von vier der fünf größten amerikanischen Banken, und in Europa der größte Anteilseigner zum Beispiel der Deutschen Bank, der niederländischen ING Bank, der englischen HSBC, der spanischen Banco Bilbao, und der zweitgrößte Anteilseigner von BNP Paribas, Unicredit und Banco Sanpaolo. Wenn nun eine der Banken aggressiven Wettbewerb betreibt, um ihren eigenen Gewinn zu steigern, schadet sie dem Interesse der Branche insgesamt, und damit den Interessen der größten und mächtigsten Anteilseigner der Branche. Wenn aber eine Bank den „wahren shareholder value“ ihrer Eigentümer maximieren möchte, lässt sie die Wettbewerber lieber in Ruhe und konzentriert sich auf Märkte und Produkte, in denen sie nicht mit Unternehmen konkurriert, an denen ihre größten Anteilseigner wirtschaftliches Interesse haben.

Erste Forschungsergebnisse einer Studie über das Geschäftsverhalten von amerikanischen Banken in den Jahren 2002 bis 2013 bestätigen diesen Zusammenhang. Es zeigt sich, dass in amerikanischen Märkten, in denen dieselben Fondsgesellschaften mehr Anteile an den konkurrierenden Banken halten, die gezahlten Guthabenzinsen bedeutsam niedriger waren als in Märkten, in denen unterschiedliche Eigentümer die Kontrolle über die jeweiligen Banken haben. Für einen kausalen Zusammenhang spricht dabei, dass sich Preiserhöhungen auf Erhöhungen von Anteilen zurückführen lassen, die ausschließlich vom Wachstum sogenannter „Indexfonds“ mit passiven Investitionsstrategien stammen.

In einer weiteren Studie werden amerikanische Flugticketpreise in den Jahren 2001 bis 2015 untersucht. Dabei zeigt sich, dass diese aufgrund überlappender Anteilseigner um bis zu 10 Prozent höher sind, als man im traditionellen Wettbewerbsmodell erwarten würde. Zudem verringert sich die Anzahl der Fluggäste auf den Flugrouten, in denen sich die Eigentümerstruktur stärker auf die wenigen Fondsgesellschaften konzentriert.

Untermauert durch wissenschaftliche Studien

Auch hier spricht einiges für einen kausalen Einfluss der Fondsgesellschaften auf das Wettbewerbsverhalten. Im Jahr 2009 erfolgte die Übernahme des britischen Vermögensverwalters Barclays Global Investors durch Blackrock. Kurz nach der Übernahme stiegen die Preise auf Flugrouten, die von Fluggesellschaften bedient werden, deren Eigentümerstruktur sich durch die Übernahme konzentrierte. In der Vergleichsgruppe der Studie sind Flugrouten, in denen die Übernahme zu keiner oder nur geringen Veränderungen der Eigentümerstruktur der dort miteinander konkurrierenden Fluggesellschaften führte.

Warum aber machen die Manager der Unternehmen im Portfolio der Fondsgesellschaften das alles mit? Hängt deren Entlohnung nicht von dem Erfolg des eigenen Unternehmens ab? Nicht unbedingt. Eine Studie der 2000 größten Unternehmen der Vereinigten Staaten zeigt: Je stärker der Markt durch eine gemeinsame Eigentümerstruktur geprägt wird, desto weniger hängt die Entlohnung der Vorstandsmitglieder vom Erfolg des eigenen Unternehmens ab. Zugleich steigt aber der Zusammenhang zwischen der Entlohnung und dem Erfolg des Wettbewerbers.

Die Wirtschaftswissenschaft hat solche Einflüsse lange Zeit verschlafen. Wettbewerbsökonomen behandeln traditionell Unternehmen mit unterschiedlichen Namen als wirtschaftlich eigenständige Akteure, die den Gewinn ihrer Firma maximieren. Eine mögliche Rolle des Finanzsektors wurde nicht gesehen. Finanzmarktökonomen hingegen gehen regelmäßig von der Annahme aus, dass Märkte kompetitiv sind, und dass die großen Fondsgesellschaften keinen Einfluss auf ihre Portfoliofirmen ausüben. Dass viele der Fondsgesellschaften „passive“ Investitionsentscheidungen treffen, bedeutet aber nicht, dass sie sich nicht aktiv in unternehmerische Entscheidungen einbringen würden. So hat es einem Zeitungsbericht zufolge kürzlich auch der Vorstandsvorsitzende von Vanguard, F. William McNabb, formuliert. Im Gegenteil: Eine einfache Google-Suche fördert etliche Artikel und Anekdoten darüber zutage, wie Fondsgesellschaften ihre Vorstellungen über gute Geschäftspolitiken in die Unternehmen kommunizieren und so möglicherweise Einfluss nehmen. Wissenschaftliche Studien untermauern dies.

All dies bedeutet natürlich nicht notwendigerweise, dass die Fondsgesellschaften einen großen Plan zur Marktbeherrschung der Großkonzerne der westlichen Welt betreiben. Das eigentliche Problem ist struktureller Natur. Denn tatsächlich machen die Manager der Portfolio-Firmen nur das, was „der Markt“ von ihnen erwartet, nämlich loyal die Interessen ihrer Eigentümer bei ihren Geschäftsstrategien zu berücksichtigen. Und Fondsgesellschaften machen ebenso, was von ihnen erwartet wird, nämlich ihre Portfolios zu diversifizieren und den Wert der Portfolios im Interesse ihrer Kunden zu maximieren. Alles funktioniert also bestens, ganz genau wie im Lehrbuch – und doch kommt es gewissermaßen automatisch zu Marktversagen: Die mit dem Wachstum der Fondsgesellschaften verbundenen Wettbewerbseinschränkungen führen zu höheren Unternehmensgewinnen. Von diesen profitieren hauptsächlich die amerikanischen Investoren, die dadurch immer weiter wachsen können – was wiederum das Wettbewerbsproblem weiter verschärft. Obwohl sich also alle beteiligten Parteien marktgerecht verhalten, droht die steigende Macht der Großinvestoren im Finanzmarkt die Fundamente der Marktwirtschaft auszuhöhlen.

Kann dem Fluch der Konzentration der Fondsgesellschaften etwas entgegengestellt werden, ohne den Segen der damit einhergehenden Diversifikationsvorteile einzuschränken? Die wettbewerbsbeschränkenden Wirkungen überlappender Eigentümerstrukturen wurden bisher lediglich für einzelne Industrien in den Vereinigten Staaten und Schweden nachgewiesen. In Deutschland gibt es ebenso eine Tendenz hin zu gemeinsamen Eigentümerstrukturen, doch vergleichbare Studien über die Wettbewerbswirkungen gibt es hier noch nicht. Eines kann aber wissenschaftlich als gesichert gelten: Je größer die Verstrickung der Eigentümerstruktur, desto größer die Anreize für Wettbewerbsbeschränkungen. Die Größe von Fondgesellschaften gehört deswegen auf die Agenda von Regulierungs- und Wettbewerbsbehörden.

 

Das Bewusstsein dafür schärfen

Klassische Instrumente der Wettbewerbskontrolle greifen jedoch zu kurz. Es wird nämlich nicht etwa der Wettbewerb behindert, weil ein Bäcker zu marktmächtig wird, beispielsweise durch eine Fusion mit einem anderen Bäcker. Darauf wären die Wettbewerbsbehörden vorbereitet. Das Problem besteht vielmehr in der Art und Weise, wie Finanzkapitalmärkte funktionieren. Die meisten Anleger halten heute ihre Anteile nicht mehr direkt im Depot, sondern erreichen über Fonds eine oft günstigere und bessere Diversifizierung. Bereits das dadurch induzierte „natürliche“ Wachstum dieser Fonds erzeugt eine steigende Konzentration von Eigentumsanteilen. Zusammenschlüsse von Fondsgesellschaften verstärken diese Tendenz.

Diese neue Form der Entstehung von Marktmacht erfordert neue Kontrollmechanismen. Zu empfehlen sind in erster Linie strikte Transparenzvorschriften und eine konsequente Fusionskontrolle bei Fondsgesellschaften, die die Investitionen in Portfolio-Unternehmen berücksichtigt. Regulierer sollten nicht bloß zuschauen, wenn diversifizierte Fondsgesellschaften stetig größer werden und dadurch gewissermaßen automatisch zu den größten Anteilseignern unzähliger Unternehmen zu werden.

Zugleich sollten Politik und andere Steuerungsinstitutionen angesichts der gewaltigen Bedeutung der Fondsgesellschaften für Wohl und Wehe der Wirtschaft ihre Unabhängigkeit bewahren. Dies scheint nicht immer zu gelingen. Es wird berichtet, dass Blackrock das amerikanische Finanzministerium und die Europäische Zentralbank bei der Bewertung von Banken im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise geholfen hat. Blackrocks Vorstandsvorsitzender Larry Fink wird als Finanzminister im Schattenkabinett von Hillary Clinton gehandelt. Die Auswirkungen solcher Verflechtungen auf die Wirtschaft entziehen sich in der Regel der wissenschaftlichen und regulatorischen Kontrolle.

Ob sich große Fondsgesellschaften letztlich als Segen oder Fluch erweisen, wird davon abhängen, ob es gelingt, den zu beobachtenden Trend zu hochkonzentrierten Eigentümerrechten in den Händen weniger einflussreicher Gesellschaften rechtzeitig zu stoppen. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, erstmal das Bewusstsein dafür zu schärfen.


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Ulrich Goldschmidt, Vorsitzender des Führungskräfteverbandes

Hinter enormen Boni wie bei Volkswagen steckt vor allem Misstrauen, sagt Ulrich Goldschmidt, Vorsitzender des Führungskräfteverbandes, in der F.A.Z. Ein Interview über Gehälter, Leistung und eine viel zu autoritäre Befehl-Gehorsam-Kultur.

 

Herr Goldschmidt, Volkswagen kämpft nach dem Dieselskandal mit Milliardenklagen und Umsatzeinbrüchen. Gleichzeitig stehen den ehemals Verantwortlichen Millionen-Boni für die Vergangenheit zu. Hat das Vergütungssystem nach der Weltfinanzkrise abermals versagt?

Das VW-Vergütungssystem stammt noch aus einer Zeit, als sich keiner vorstellen konnte, wie erfolgreich der Konzern einmal werden könnte. Da hat der Aufsichtsrat gedacht, man könne alles versprechen, weil man es sowieso nie bezahlen müsse. Jetzt läuft die vertragliche Situation mit dem Rechtsempfinden der Menschen auseinander.

 

Ist VW ein Sonderfall?

Nein, hier treten die Symptome nur besonders deutlich zutage. Aber wir haben auch in anderen Konzernen Vergütungssysteme mit hohem variablen Anteil.

 

Als Lehre aus der Finanzkrise wurden häufig kurzfristige Bonusanreize durch längere Bezugszeiträume ersetzt. War das etwa die falsche Erkenntnis?

Nein, es ist richtig, in längeren Zeiträumen zu denken. Aber grundsätzlich muss man sich die Frage stellen, ob solch hohe Bonuszahlungen überhaupt gerechtfertigt sind. Ich behaupte: Kein Manager der Welt ist 10 Millionen Euro im Jahr wert - oder mehr. Ich bin dafür, ein vernünftiges Festgehalt zu zahlen und dazu einen Bonus, der deutlich unter dem liegt, was heute oft gezahlt wird.

 

Für welches Verhältnis plädieren Sie?

Ich halte ein Verhältnis von 80 Prozent Festgehalt zu 20 Prozent variabler Vergütung für ausreichend. Ich wäre erschrocken, wenn ich von einem Vorstand hören würde, dass er für weniger Geld schlechter arbeiten würde.

 

Warum muss ein Unternehmen ausgerechnet seine vermeintlich fähigsten Führungskräfte mit gigantischen Boni zu guter Arbeit animieren?

Diese Bonussysteme sind häufig ein Ausdruck von ausgeprägtem Misstrauen. Das finden wir nicht nur bei Topmanagern, sondern das zieht sich durch alle Ebenen. Eigentlich stehen einem Angestellten für seine Arbeit 100 Prozent des ausgemachten Gehalts zu. Mit einer Bonusregelung sagt der Arbeitgeber: Ich zahle dir erst mal nur einen Teil aus, und den Rest bekommst du, wenn du deine Ziele erfüllst. Wenn ich aber der Überzeugung bin, dass ich eine gute Führungskraft oder einen guten Mitarbeiter eingestellt habe, brauche ich so etwas nicht.

 

Wo kommt dieses Misstrauen her?

Das ist eine Erfindung aus den fünfziger Jahren. Damals hat die Beratungsgesellschaft McKinsey amerikanischen Unternehmen erklärt, dass hohe Boni Ausdruck einer freien demokratischen Gesellschaft seien und dass es das im Sozialismus nicht gibt. Viele haben das geglaubt. Ich bin immer skeptisch, wenn man auf Instrumente aus dem vergangenen Jahrhundert zurückgreift. Das würde ich bei meinem Zahnarzt auch nicht akzeptieren.

 

Zählt dazu auch das Comeback des „Performance Managements“, also der Steuerung von Leistungserbringung?

 Ich finde es sehr erstaunlich, dass jetzt einige Dax-Konzerne solche Systeme einführen. Obwohl selbst ihr Erfinder, der frühere General-Electric-Chef Jack Welsh, eingeräumt hat, dass sie nicht funktionieren. Sie können in der Regel nicht statistisch messen und mit mathematischer Exaktheit sagen, ob Leistungen erbracht wurden. Dafür ist der Leistungsbegriff zu vielfältig. Mitarbeiter lassen sich auch nicht in Leistungsschablonen pressen.

Wie passt eine solche Misstrauenskultur zur Vorstellung von flexibler Arbeit in der digitalisierten Zukunft?

Das passt gar nicht. Wenn wir Führung weiter mit Befehl-Gehorsam-Kontrolle gleichsetzen, werden wir die Zukunft nicht gewinnen. Die junge Generation hat eine zunehmende Macht am Arbeitsmarkt, viele können sich heute schon den Arbeitgeber aussuchen. Solche Mitarbeiter werden autoritäre Systeme nicht akzeptieren. Und diese Systeme werden in einer Arbeitswelt auch nicht mehr funktionieren, die auf Dezentralisierung von Projekten und Verlagerung von Verantwortung auf die Mitarbeiter basiert. Denen können sie nicht mehr permanent über die Schulter schauen.


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