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Rund 5,2 Kilogramm Schokolade konsumiert jeder Europäer im Durchschnitt pro Jahr. Während die Nachfrage weiter steigt, stellen Klimawandel und soziale Probleme in der Produktion der Hauptzutat Kakao eine Herausforderung dar. Die Erste Asset Management ist Teil der Initiative „CocoaAction“, einer weltweiten Gruppe von Investoren, die sich für die nachhaltige Produktion und verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen für Kakaofarmer und deren Familien einsetzt. Im Gespräch verrät Stefan Rößler, ESG-Investmentanalyst bei der Erste Asset Management, was es mit dieser Initiative auf sich hat und wie sie gegen Missstände in der Kakaoproduktion vorgeht.

  

Herr Rößler, die Erste Asset Management ist Mitglied der Initiative „CocoaAction“. Was hat es damit auf sich?

Rößler: Die Nachfrage nach Schokolade und damit nach dem Rohstoff Kakao steigt. Das zeigt sich auch am Kakaopreis, der sich seit Mitte 2011 etwa verdoppelt hat. Dementsprechend gewinnt der Rohstoff Kakao bei Investoren weltweit an Beachtung. Wir von der Erste Asset Management sind – unabhängig von der Branche – der festen Überzeugung, dass sich ein ordnungsgemäßes Management in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung positiv auf die finanzielle Performance von Unternehmen auswirkt, und damit auch auf das Portfolio ihrer Investoren. Somit deckt sich die Verbesserung der sozialen und Umweltbedingungen in der Kakaoproduktion – ganz offen gesagt – mit den Interessen unserer Anleger und damit auch unseren Eigeninteressen. Mit dieser Einsicht sind wir nicht allein und sind daher Mitglied der Initiative „CocoaAction“, ganz nach dem Motto „gemeinsam sind wir stark“: Investoren mit einem kumulierten Anlagevermögen von 530 Milliarden US-Dollar wird nun mal einfach eher Gehör geschenkt.

 

Welche sozialen Probleme bestehen in der Kakaobranche?

Rößler: Das Hauptproblem sind die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitern auf Kakaofarmen, welche unmittelbar auch ihre Familien betreffen. Zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse müssen ausreichende Löhne bezahlt und der Zugang zu Bildung, auch für Kinder, ausgebaut werden. Damit einher geht die Bekämpfung von Kinderarbeit, die in dieser Branche noch immer ein großes Thema ist.

 

Und wie geht die Initiative gegen diese Missstände vor?

Rößler: Bevor konkrete Maßnahmen ergriffen werden können, ist intensives Research notwendig. „CocoaAction“ agiert als treibende Kraft bei der Entwicklung einer Methode zur Messung der Einkommensverhältnisse von Kakaofarmern verschiedener Regionen in Relation zu Farmern anderer landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Zur Bekämpfung von Kinderarbeit setzt sich die Initiative für die Einführung eines Monitoring- und Gegenmaßnahmensystems in Kakaoanbaugebieten ein. Um Kindern den Zugang zu Bildung zu erleichtern bzw. zu ermöglichen, besteht beispielsweise eine Kooperation mit der Regierung der Elfenbeinküste, durch die geografische Lücken im Bildungssystem aufgedeckt und geschlossen werden sollen.

Die Erste Asset Management GmbH (www.erste-am.com) koordiniert und verantwortet die Asset-Management-Aktivitäten (Vermögensverwaltung mit Investmentfonds und Portfolio-Lösungen) innerhalb der Erste Group Bank AG. An ihren Standorten in Österreich sowie Deutschland, Kroatien, Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn verwaltet sie ein Vermögen von 55,8 Mrd. Euro (per 31.12.2015).


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Seit im April 2015 das Energiedienstleistungsgesetz (EDL-G) in Kraft getreten ist, sind große Unternehmen dazu verpflichtet, alle vier Jahre ein Energieaudit durchzuführen. Vor diesem Hintergrund  musste bis Dezember vergangenen Jahres laut dem Gesetzgeber erstmals ein Energieaudit nach DIN 16247 erfolgen.  Für die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) und die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) haben die Stadtwerke Karlsruhe als Dienstleister den Energieverbrauch überprüft und das jeweilige Potential zur Energieeinsparung ermittelt. 

„Wir sahen in dieser gesetzlichen Verpflichtung eine Chance für eine neue Energiedienstleistung. Denn wir sind seit 20 Jahren EMAS-zertifiziert und verfügen damit über langjährige Erfahrungen mit Umwelt- und Energiemanagement-Systemen“, betonte Michael Homann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Karlsruhe. Bereits im Mai 2015 stellte das Unternehmen daher allen Geschäftskunden die neue Dienstleistung vor. Die Stadtwerke bekamen Aufträge für 28 Audits, davon wurden inzwischen 24 durchgeführt und ausgewertet.

Die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) sind von den 24 Unternehmen dasjenige, bei dem das größte Einsparpotential festgestellt werden konnte. „Ein zentrales Ergebnis des Energieaudits war, dass durch eine Sanierung der Beleuchtung von Werkstatthallen und Bürogebäuden der VBK viel Energie eingespart werden kann“,  sagt Dr. Alexander Pischon, Vorsitzender der Geschäftsführung von VBK und AVG. 200 000 Euro Energiekosten können die Verkehrsbetriebe laut der Analyse der Stadtwerke in diesem Bereich jährlich einsparen. 

„Wir haben in enger Kooperation mit den Stadtwerken bereits erste Schritte eingeleitet, um ältere Leuchtmittel im großen Stil durch sparsamere Lampen zu ersetzen“, ergänzt Pischon. So wurden Maßnahmen zur Beleuchtungssanierung beispielweise schon am Betriebshof West in der Wikingerstraße als auch am Betriebshof Gerwigstraße auf den Weg gebracht.  Mit Blick auf die AVG ergab das Energieaudit ein jährliches Einsparpotential von über 110 000 Euro. Hier können die Energiekosten allein durch die Beleuchtungssanierung um über 100 000 Euro pro Jahr reduziert werden. Hier sollen ebenfalls Schritte zur Sanierung der Beleuchtung folgen.    

 

Insgesamt wurde bei den 24 Audits, die von den Stadtwerken Karlsruhe bei unterschiedlichen Unternehmen durchgeführt wurden, ein geschätztes Energie-Einsparpotential in Höhe von fast 550 000 Euro ermittelt. Um es zu erschließen, wären Investitionen in Höhe von rund 1,7 Millionen Euro erforderlich. Über 3000 Megawattstunden Strom und über 117 Megawattstunden Wärme könnten eingespart werden. Das führt nicht nur zu Kostensenkungen bei den Unternehmen, sondern entlastet die Umwelt und reduziert den CO2-Ausstoß.

 

Dabei zeigte sich, dass bei allen beteiligten Unternehmen die größten Einsparpotentiale, die schnellste Amortisation der eingesetzten Mittel und die höchste interne Verzinsung im Bereich Beleuchtung liegen. „Das bedeutet, dass durch eine relativ einfache und schnell umzusetzende Beleuchtungssanierung, die wir im Übrigen auch als Dienstleistung anbieten, die Energiekosten erheblich gesenkt und die Energieeffizienz verbessert werden kann“, so Michael Homann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Karlsruhe.

 

„Energiemanagement, Energieeffizienz und Ressourcenschonung sind bei uns Kernkompetenzen. Mit der Auswertung des Energieaudits bieten wir den Unternehmen natürlich auch Folge-Dienstleistung wie die Beleuchtungssanierung, die Heizungsumstellung oder ein attraktives und effizientes BHKW-Contracting an“, so Michael Homann.

 

Als Pilot- und Referenzprojekt für die Beleuchtungssanierung dient die eigene Werkstatthalle der Stadtwerke. Durch die Umstellung auf moderne LED-Technik konnte das Unternehmen hier 80 Prozent Energie einsparen und gleichzeitig die Helligkeit entscheidend verbessern. Ein wichtiger „Nebeneffekt“ bei der Durchführung der Energieaudits war der Aufbau von Know-how. Die ersten Audits wurden in Zusammenarbeit mit externen Auditoren erstellt. Inzwischen haben sich vier Stadtwerke-Energieberater weitergebildet und sind als Auditoren registriert, so dass die nächsten Audits vollständig mit eigenem Personal durchgeführt werden. Dabei hat das Unternehmen inzwischen auch die „Kleinen und mittleren Unternehmen“, kurz KMUs genannt, im Blick. Sie können das Audit auf freiwilliger Basis durchführen und bekommen dafür Fördermittel vom Bund.

 


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Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Treffen die Worte von Mahatma Gandhi zu, ist Deutschland eine echte Hochkultur und ein wahres Paradies für Heimtiere. Geht es um die tierischen Begleiter, sitzt der Geldbeutel besonders locker. Futter, Käfige, Halsbänder, Arztbesuche, Urlaubs-Pensionen, Hunde-Schulen – für all das und noch viel mehr geben die Deutschen über 9,1 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 0,32 Prozent, laut einer mit „Wirtschaftsfaktor Heimtierhaltung“ überschriebenen Studie der Universität Göttingen. Diese weist auch nach, dass dadurch 200000 Arbeitsplätze entstanden sind. 

Und ein Ende ist nicht in Sicht. Für 2015 vermeldet der Industrieverband Heimtierbedarf ein Wachstum von 2,2 Prozent. Der Star dabei ist der Hund. Über Mangelernährung kann der sich wahrlich nicht beklagen. Um 4,6 Prozent legte der Markt für Hundefutter im Vorjahr zu. In absoluten Zahlen sind das über 1,3 Milliarden Euro und wenn das Wachstum so weiter geht, ist er bald Umsatzprimus. Den Titel trägt noch der „ewige Rivale auf vier Pfoten“, die Katze. Für 1,6 Milliarden Euro geht derzeit Katzennahrung über die Ladentheke. Und das, obwohl hierzulande deutlich häufiger Gemiaut wird als Gebellt (12,9 Millionen zu 7,9 Millionen).

Bei der Betrachtung des Gesamtmarktes hat Bello längst die Mieze abgehängt. Die Göttinger Wissenschaftler beziffern den Umsatz der Hundehaltung auf 4,6 Milliarden Euro (Katzen: 3,3 Milliarden Euro), das sind mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der Heimtierbranche. Ein Segment boomt dabei besonders, das mit der gesunden Ernährung. Futter in Lebensmittelqualität mit Rohstoffen aus der Region und ohne Zusatzstoffe, das ist ein unbestreitbarer Trend. „Ich ernähre mich gesund, also soll mein Hund das auch“, beschreibt Anna Jetter vom Auenland-Konzept in Geislingen das. Die Futtermanufaktur für Tiernahrung verzeichnet ein steigendes Interesse an solchen Produkten. „Vor allem sind die Besitzer deutlich besser informiert und hinterfragen vieles kritisch.“ Dem trägt das Auenland-Konzept Rechnung. Zwei Mitarbeiterinnen tun nichts anders, als den ganzen Tag telefonische Ernährungsfragen zu beantworten.   Steigt die Nachfrage, steigt ebenso das Angebot. Abzulesen an der Zahl der Start-ups. Einer davon ist Carnupuru – eine Wortschöpfung, die soviel wie „Pures Fleisch“ bedeutet. Pur bedeutet in dem Fall Hunde- und Katzenfutter in Lebensmittelqualität, ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker. Zwei Jahre investierte Gründer Sascha Traber in die Planung. Und was unternahm der Stuttgarter nicht alles im Vorfeld. Tüftelte lange Zeit gemeinsam mit Tierärzten an den richtigen Rezepturen herum, informierte sich ausgiebig bei Hundetrainern und löcherte jeden Hundebesitzer, der ihm über den Weg lief. „Es gibt zwar jede Menge Marktanalysen, aber der beste Weg die wahren Kundenwünsche herauszufinden, ist das persönliche Gespräch.“ Ein Prinzip, dem er treu bleibt. Nach jeder Bestellung ruft der 32-Jährige die Kunden an und holt sich die entsprechende Resonanz ein. „Natürlich funktioniert das irgendwann nicht mehr. Aber bis dahin habe ich hoffentlich schon genügend Informationen gesammelt.“

Die zahlreichen Neugründungen sieht Anna Jetter sehr gelassen: „Ich habe schon viele kommen und wieder gehen sehen.“ Auf jeden Fall kann sie auf eine Menge Erfahrung zurückblicken. Immerhin existiert das Auenland-Konzept bereits seit 14 Jahren. „Das ist kein leichtes Business, zu dem viel Herzblut und Wissen gehören.“ Immerhin fügt sie in typisch schwäbischem Understatement hinzu, dass man davon leben könne.

Damit ist auch schon die erste Gemeinsamkeit mit Carnupuru genannt. Sascha Treiber bezeichnet sich selbst als „schwäbischen Kassenwart“. So emotional das Thema ist, so rational betreibt der Betriebswirt das Geschäft. „Es muss sich rechnen“, ist einer seiner Lieblingssätze. Bestellungen unter 49 Euro – völlig unrentabel. Der Betriebswirt hat alles genau durchkalkuliert. Standardisierte Prozesse, Wachstum nicht um jeden Preis, Konzentration auf das Wesentliche, lauten seine Maxime. Letzteres heißt in seinem Fall Konzentration auf den Verkauf, seine Stärke. Alles andere ist vollautomatisiert oder an Dienstleister ausgelagert. Zum Pragmatismus gehört auch, dass er den Job als Einkäufer in der Automobilindustrie nicht aufgibt. „Das habe ich von meinen Großeltern gelernt, nicht alles auf eine Karte zu setzen.“

Auf jeden Fall scheint sein Plan aufzugehen. Seit rund drei Monaten ist er nun auf dem Markt. „Von Anfang an profitabel“, verkündet er nicht ohne stolz. Und die Anfangsinvestition von 10000 Euro habe sich wohl bis Mitte nächsten Jahres amortisiert. „Dazu brauchen andere deutlich länger.“

Der Geschäftsplan sieht ebenso für 2017 vor, den stationären Handel als weitere Verkaufsschiene zu gewinnen – allerdings beschränkt auf Bio-Märkte. Bisher setzt er auf den eigenen Online-Shop. Auch das eine Gemeinsamkeit mit dem Auenland-Konzept. „Solch ein Geschäftsmodell ist eigentlich nur möglich mit einem Direktverkauf“, weiß Anna Jetter aus ihrer langjährigen Praxis. Start-up und Auenland-Konzept teilen ebenfalls die Entstehungsgeschichte. Bei Sascha Traber waren es seine beiden Katzen, die auf konventionelles Futter allergisch reagierten, Hautauschschlag und Kratzattacken inklusive. „Ich dachte, das geht doch besser“. Beim Denken ist es bei ihm ebenso nicht geblieben wie bei der Gründerin vom Auenland-Konzept. Die Tierheilpraktikerin stellte immer häufiger den Zusammenhang industriell gefertigter Futtermittel und zahlreicher Beschwerden der vierbeinigen Patienten fest. Haarausfall, stumpfes Fell, Ohrenentzündungen, Durchfall, Verstopfung, Diabetes, Zahnausfall, Gelenkprobleme, Krebs –die Liste ist lang mit möglichen Folgen. „Nicht jedes Tier reagiert so, aber die Allergien nehmen wie beim Menschen zu“, so Anna Jetter. 

Deshalb legen beide größten Wert auf beste Inhaltsstoffe und eine entsprechende Herstellung nach Lebensmittelstandard. Wenngleich sie dabei unterschiedliche Wege gewählt haben. Sascha Traber setzt komplett auf eine handverlesene Fremdproduktion. „Alles wird dabei von mir vorgegeben und zudem machen wir unabhängig davon noch eigene Analysen von jeder Charge.“ Dagegen setzt Anna Jetter auf die eigene Herstellung. Erst kürzlich investierte das Auenland-Konzept in eine neue Produktionsstätte. „Das menschliche Auge ist nach wie vor die beste Qualitätskontrolle.“ 

Und Qualität spielt eine immer größere Rolle, zumal „der Stellenwert von Hund und Katze inzwischen ein anderer ist“, haben beide festgestellt. Oder wie es die Studie der Universität Göttingen beschreibt: „Viele frühere Nutztiere oder gar ‚Schädlinge’ werden heute in der Wohnung gehegt und gepflegt, bereichern unser Leben und sind uns viel Wert.“    


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Prof. Dr. Claus Dierksmeier, Direktor des Weltethos Instituts

Der Liberalismus hat Zukunft. Man muss ihn nur beim Wort nehmen. Der Tübinger Wirtschaftsethiker Claus Dierksmeier über Unternehmer als Wegbereiter eines gelingenden Lebens und die Grundlagen einer enkelfähigen Ökonomie.

 

Freiheit ist der Leitwert unserer sozialen Marktwirtschaft. Denn sowohl ihre regulative Rahmenordnung als auch eine entsprechende Politik der Chancengerechtigkeit dienen der Freiheit der Einzelnen. Dabei setzt die soziale Marktwirtschaft Ideen, Initiativen und Innovationen frei, die uns Wohlstand und Fortschritt bringen. Deutschland wird in der Welt darum beneidet. Dennoch hat die Idee der Freiheit an vielen Orten derzeit einen schlechten Ruf. Viele Menschen glauben, die freiheitliche Dynamik der wirtschaftlichen Globalisierung gefährde die demokratische und kulturelle Selbstbestimmung. Kritiker misstrauen der Freiheit – und insbesondere dem freien Unternehmertum – und vertreten dagegen die Gerechtigkeit als globalen Leitwert.

Ich halte an der Freiheit als Leitwert einer menschenwürdigen Entwicklung fest und glaube, Unternehmer können zu Wegbereitern eines gelingenden Lebens für alle Menschen werden. Aber: Dafür müssen wir uns darauf besinnen, dass Freiheit verpflichtet – und Verantwortung befreit. Nur wo Freiheit nicht als Entschuldigung für engherzigen Egoismus herabgesetzt, sondern zur Grundlage großherziger Verantwortung gemacht wird, ist sie Treiber weltweiten Wohlstands und sozial wie ökologisch nachhaltiger Lebensverhältnisse. Dazu zehn Thesen.

 

1. Globalisierung war gestern, Globalität ist heute.

Nie gab es mehr Produkte, mehr Kommunikation, nie waren wir mobiler als jetzt. Nie aber hatten wir auch mehr Verantwortung. Denn wie wir produzieren und konsumieren, beeinflusst im Guten wie im Schlechten Menschen, die am anderen Ende der Welt leben – schon heute, spätestens aber morgen. Die Dynamik weltwirtschaftlicher Freiheit birgt enorme Chancen, aber ohne weltrechtliche Rahmenordnung auch ernst zu nehmende Risiken, insbesondere ökologischer und sozialer Art.

 

2. Wer global wirkt, muss sich weltweit verantworten.

Kritische Konsumenten, kluge Unternehmer und vorausschauende Politiker leben uns globale Verantwortung vor. Immer mehr Bürger fragen sich, ob und wie ihr Wirtschaftsverhalten zu einer Welt beiträgt, die „enkelfähig“ ist. Unternehmer reduzieren ihren ökologischen Fußabdruck und bemühen sich um eine menschenrechtlich saubere („blaue“) Lieferkette. Politiker und Vordenker internationaler NGOs ersinnen und erproben Wege zu einer „global governance“. Diese Vorbilder zeigen: Freiheit und Verantwortung gehen Hand in Hand.

 

3. Der Leitwert der Globalität ist verantwortete Freiheit.

Freiheit ist keine fixe Idee des Westens. Überall auf der Welt streben Menschen, nach eigener Façon glücklich zu werden. Selbst wer freiheitliche Lebensentwürfe verwirft, braucht erst einmal eben jene Freiheit, sich so oder anders zu entscheiden. Das zeichnet die Freiheit als ersten und letzten Maßstab aller Werte aus – auch vor der Gerechtigkeit, die sich an ihrem Beitrag zur Freiheit messen lassen muss.

 

4. Die lange vorherrschende Idee von "negativer Freiheit".

Negative Freiheit zielt auf die Abwesenheit von staatlichem Zwang. Sie folgt einer quantitativen Logik des „Je mehr, desto besser“ und suggeriert: „Weniger Staat = mehr Freiheit“. Das ist doppelt naiv. Zum einen wird heute in einer digitalisierten und vermachteten (Finanz-)Ökonomie die Freiheit auch seitens der Wirtschaft bedroht. Zum anderen: Wer nur Zwang abbaut und nicht auch Chancen aufbaut, privilegiert die Mächtigen und die Besitzenden. So gerät Freiheit zum Stoppschild für Veränderung. Wir brauchen aber eine dynamische Gesellschaft, um dem rasanten Wandel unserer Lebensverhältnisse verantwortlich gerecht zu werden.

 

5. Die klassisch-liberale Freiheitsidee zielte stets auf weltbürgerliche Verantwortung.

Der Liberalismus erstrebt die Freiheit aller Menschen. Die Sorge um die Freiheit der Nächsten wie der Fernsten galt liberalem Denken schon immer als moralische Pflicht und sittlicher (heute würde man sagen: zivilgesellschaftlicher) Auftrag wie auch als Zielbestimmung von Politik. Denn Freiheit ist eine unteilbare Idee. Die Freiheit der einen darf daher nicht auf Kosten der Freiheit der anderen erschlichen werden. Deshalb müssen folgende qualitativ ausgerichtete Fragen unser Handeln orientieren: „Wessen und welche Freiheiten haben Vorrang? Stehen unsere Freiheiten im Einklang mit der Freiheit aller?“

 

6. Welt bürgerlich verantwortete Freiheit ist notwendig.

Wer angesichts der uns global bedrängenden Probleme im Bereich der moralischen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit nicht einer Tugend-, Sozial- oder Ökodiktatur das Wort reden will, muss liberale Wege zu ihrer Lösung finden. Denn nur wo Freiheit sich durch ihren verantwortlichen Gebrauch bewährt, wird sie bewahrt. Wir müssen daher klarstellen: Soziale Gerechtigkeit ist liberal, wo sie Voraussetzungen schafft, dass Menschen ihre Autonomie in menschenwürdiger Weise ausüben können. Nachhaltigkeit ist liberal, wann immer sie dazu beiträgt, dass alle Menschen – auch zukünftige – reale Lebenschancen erhalten. Und auch das Eintreten für Werte und Tugenden ist liberal, wo es die Bereitschaft zur Selbstbeschränkung stärkt sowie unsere Fähigkeit, in Teams, Gruppen und Gesellschaften mit Differenzen friedlich umzugehen sowie dialogfähig, tolerant, kooperativ und höflich zu sein.

 

7. Verantwortlich wirtschaften befreit.

Die schöpferischen Kräfte der Wirtschaft gehören zu den größten Treibern von Veränderung in der Welt. Unternehmer und Manager, Arbeiter und Angestellte, Finanzdienstleister, Produzenten und Konsumenten können auf unterschiedliche Weise zur Emanzipation und Befähigung ihrer Mitmenschen beitragen. Jeder wirtschaftliche Akt, angefangen bei der Entscheidung über das Geschäftsmodell und die Produktentwicklung über Investments und Anlagen bis in die Produktion und den Vertrieb, ist ein Wahlakt, der zugunsten der Freiheit aller Menschen ausfallen kann – oder dagegen. Nicht nur die bottom line, schon die topline des Geschäftsberichts, das heißt der Unternehmenszweck, zählt!

 

8. The business of business is society.

Wo Staaten grundlegende Menschenrechte und einfachste Sozial- und Arbeitsrechtsstandards nicht gewährleisten können, sind auch Unternehmen gefragt. Was tragen sie zu einer Wirtschaftspraxis und Weltwirtschaftsordnung bei, in der die Freiheit der einen nicht die Freiheit der anderen unterminiert, sondern befördert? Es liegt im Interesse von Unternehmen, die Voraussetzungen zu stärken, von denen sie abhängig sind.

In failed states und in kaputten Ökosystemen kann man nicht verlässlich Gewinne einfahren. Das zeigt: Business ist weit mehr ein Stakeholder der Gesellschaft als umgekehrt. Wo die Menschen ihre Freiheit verlieren, tut es auch die Wirtschaft.

 

9. Verantwortung ist kein notwendiges Übel, sondern eine strategische Chance.

Firmen, die ihre Geschäftsmodelle proaktiv am Wandel gesellschaftlicher Bedürfnisse ausrichten – etwa an den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen –, betreiben nicht nur smartes Risiko- und Reputationsmanagement. Sondern sie spornen sich selbst auch zur Innovation ihrer Strategien und Angebote an. So finden sie den Weg zu neuen Produkten und Kundenschichten und können langfristig Prinzipien und Profit miteinander vereinbaren. Social Entrepreneurs und Social Intrapreneurs machen das schon längst vor.

 

10. Freiheit braucht Ethos - globale Freiheit braucht einen Weltethos.

Zum ethischen Elementarkonsens aller großen Religionen zählt nach Hans Küng das Prinzip Menschlichkeit, die „Goldene Regel“ der Gegenseitigkeit sowie die Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und die Partnerschaft der Geschlechter. Dieselben Grundwerte finden sich auch in den großen Moralphilosophien dieser Welt, an denen sich Agnostiker und Atheisten orientieren. Jene Werte ermöglichen Dialog und Kooperation über räumliche und kulturelle Grenzen hinweg und schaffen so Vertrauen – eine essenzielle Grundlage sowohl für die Produktivität bunt zusammengesetzter Hochleistungsteams in der Wirtschaft als auch für den friedlichen Umgang mit Diversität in der Gesellschaft.

 

Prof. Dr. Claus Dierksmeier, 45, ist Direktor des Weltethos Instituts und Professor für Globalisierungs- und Wirtschaftsethik an der Universität Tübingen. Seine akademische Arbeit konzentriert sich auf Fragen der Politik-, Religions-, und Wirtschaftsphilosophie und kreist vor allem um das Thema Freiheit und Verantwortung.

 

 

Weltethos-Institut (www.weltethos-institut.org)

Ziel des international agierenden und von der Stiftung Weltethos getragenen Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen ist es, moralisches Handeln in der globalen Wirtschaft sowie den Dialog der Kulturen zu fördern.

„Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen – und kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen“. Diese zwei Einsichten von Prof. Dr. Hans Küng standen 1990 programmatisch am Anfang des Weltethos-Projekts und begründeten seine Suche nach einem globalen Grundkonsens bestehender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen.

„Kein Weltfriede ohne gerechte Weltwirtschaftsverhältnisse. Keine gerechten Weltwirtschaftsverhältnisse ohne Weltwirtschaftsethos. Kein Weltwirtschaftsethos ohne wirtschaftsethische Grundlagenforschung“ – so lässt sich Hans Küngs These heute fortschreiben. Und so liegen die zentralen Aufgabenbereiche des Instituts in Lehre, Forschung sowie Engagement und Dialog, in der Wirtschafts- und Globalisierungsethik und im interkulturellen Lernen.

Finanziert wird das Institut von der gemeinnützigen Karl Schlecht Stiftung, die an den Werten des Stifters Karl Schlecht orientiert arbeitet.

Direktor des Instituts ist Prof. Dr. Claus Dierksmeier, die Geschäftsführung liegt bei Dr. Bernd Villhauer.


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