Gefiltert nach Redaktion Filter zurücksetzen

Avatar of Redaktion

Digiconomy.de – das Magazin für digitale Transformation – hat den Gründer und Initiator von Fairantwortung, Ralph Suikat, interviewt. Dabei ging es um die Digitalisierung und die Folgen für die Arbeitswelt

Die Digitalisierung wird unser Leben in vielen Bereich verändern – insbesondere im Arbeitsleben. Welche Chancen oder Risiken wird dieses für Unternehmen und ihre Angestellten haben?
Das ist eine sehr spannende Frage. Und eine sehr vielschichtige. Vielleicht zunächst zur Situation der Arbeitnehmer. Im Moment sehen viele in der Digitalisierung vor allem ein Risiko. Tatsächlich fürchten sich viele Arbeitnehmer, aber auch Selbständige, dass ihr Job im Laufe ihres Arbeitslebens „wegdigitalisiert“ wird.
Arbeiten, die heute noch von Menschen erledigt werden, werden in Zukunft immer mehr von Maschinen ausgeführt. Für körperlich schwere Arbeit gilt das ja schon länger. Hinzu kommen in einem immer größer werdenden Umfang auch Routinearbeiten und geistige Tätigkeiten. Von daher können die verbleibenden Arbeitsplätze weniger anstrengend, potentiell interessanter und im positiven Sinne anspruchsvoller sein.
Zwei spannende Themen werden uns in den nächsten Monaten beschäftigen:
1    Wird es überhaupt noch genügend Arbeitsplätze geben oder führt die Digitalisierung zu einer massenhaften Vernichtung von Arbeitsplätzen?
2    Ist unser Bildungssystem darauf ausgelegt, die Qualifikationen, aber auch die Mindsets für die Jobs der Zukunft hervorzubringen?
Wendigen Unternehmen bietet die Digitalisierung sowie die damit verbundenen Chancen zur Veränderung und Modellierung des eigenen Geschäftsmodells durchaus neue Möglichkeiten. Auch können Markteintrittsbarrieren gesenkt werden, so dass Newcomer in bestimmten Bereichen Chancen haben.
Für Unternehmen bringt die Digitalisierung natürlich auch zusätzliche Herausforderungen. Wichtige Fragen in diesem Kontext sind:
▪    Ist mein Unternehmen gerüstet für die Wettbewerbs-Veränderungen, die im Rahmen der Digitalisierung auf mich zukommen können? Hier können plötzlich neue Wettbewerber auf den Plan treten. Denken Sie daran wie Uber die Taxibranche, challenged oder AirBnB die Hotelbranche aufmischt. Das sind Mitbewerber, die vor zehn Jahren niemand auf dem Schirm hatte; es gab sie noch nicht.
▪    Habe ich eine Führungskultur, die es mir erlaubt, schnell genug auf die sich ergebenden Veränderungen zu reagieren?
▪    Habe ich die technischen Kompetenzen, um die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung zu beurteilen?
▪    Habe ich eine Innovationskultur, welche die bestehenden Prozesse, aber auch Produkte und Dienstleistungen nicht nur verbessert, sondern auch komplett hinterfragt?


Herr Suikat, Sie hatten es ja gerade angedeutet – oft wird behauptet, die Arbeit wird weniger. Welche Veränderungen wird es in der Arbeitswelt geben? Geht uns die Arbeit aus oder wird sie komplexer?
Diese oben beschriebene Angst der Arbeitnehmer vor dem Jobverlust wird durch unterschiedliche Studien gestützt. Die Universität Oxford hat letztes Jahr eine Studie vorgestellt, nach welcher 47% der Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten in den kommenden zehn oder 20 Jahren durch Automatisierung wegfallen sollen. Auf europäische Verhältnisse übertragen, sollen es laut einer Studie der London School of Economics (LSE) 51,1% der Jobs in Deutschland sein. Das ist schon ein Wort. Die Meinungen gehen weit auseinander, wie viel davon durch die veränderte Demographie und/oder neue, in der Regel höher qualifizierte Jobs, aufgefangen werden können. Ich denke, dass am Ende nicht genügend Arbeitsplätze übrig bleiben werden.
Fakt ist, dass Rechnerkapazitäten nach wie vor exponentiell wachsen, Speicherplatz immer billiger wird und Maschinen immer mehr und immer schneller selbst lernen. Das wird eine Menge Bewegung in unser (globales) Wirtschaftssystem bringen.
Als ich Kind war – also so vor rund 40 Jahren – war eine Phantasie oder Vision dahingehend, dass Roboter alle wesentlichen Aufgaben erledigen, für mich etwas uneingeschränkt Positives.
Das heute viele Menschen Angst vor einem Jobverlust haben liegt daran, dass wir es als (Welt-) Gesellschaft bislang nicht geschafft haben, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von der Arbeit zu entkoppeln. Wer keinen (gutbezahlten) Job hat, hat wenig Geld und in aller Regel auch wenig Ansehen in unserer Gesellschaft. Er kann für sich und seine Familie kein würdiges Leben mit Perspektive gewährleisten.
So hart es klingt, aber aus Sicht eines profitorientierten Unternehmens sind Mitarbeiter zunächst einmal im Wesentlichen ein notwendiges Mittel zum Zweck, um den Gewinn zu erwirtschaften. Je weniger Mitarbeiter, umso besser. Nachdem Arbeitsplätze bislang in der Hauptsache im Rahmen der Globalisierung in Billig- bzw. Niedriglohnländer abgewandert sind, steht in Zukunft immer mehr Arbeitnehmern auch „Kollege“ Roboter im Kreuz, der irgendwann den eigenen Job billiger, zuverlässiger, mit flexibelsten Arbeitszeitregelungen und ohne in der Gewerkschaft organisiert zu sein, erledigt.
Aus Sicht des Unternehmers wird Digitalisierung also in erster Linie weitere Möglichkeiten bringen, Kosten zu senken. Auf der einen Seite Lohnkosten, auf der anderen Seite aber auch Effizienzgewinne im Unternehmen selbst oder in der Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden.
Was die Arbeitnehmer anbelangt, sieht die Langfrist-Perspektive meines Erachtens nicht nur positiv aus. Ich denke, wir können nicht davon ausgehen, dass die Erfahrungen aus den vergangenen industriellen Revolutionen in die Zukunft transportiert werden können. Bislang wurden zwar immer Arbeitsplätze wegrationalisiert, aber auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Diese waren häufig „etwas“ qualifizierter und körperlich weniger belastend.
Wurde in der Vergangenheit im Wesentlichen körperliche Leistung ersetzt, geht es jetzt mehr und mehr auch um geistige Leistungen. Deswegen sind nunmehr Jobs von LKW- und Taxi-Fahrern genauso bedroht, wie diejenigen von Ärzten, Buchhaltern und Rechtsanwälten.

Befördert die Digitalisierung die soziale Ungleichheit?
Ich teile die Befürchtung, dass die fortschreitende Digitalisierung Potential hat, die schon bestehende soziale Ungleichheit zu befördern. Schon heute sind z.B. freiberufliche Wissensarbeiter dank internationaler Vermittlungsplattformen wie www.upwork.com oder www.fiverr.com einem globalen Wettbewerb ausgesetzt. Die dadurch erwirtschafteten Honorare reichen oft nicht aus, um einen Lebensunterhalt in Deutschland zu bestreiten. Die insgesamt wenigen Jobs, die durch die Digitalisierung entstehen, befinden sich überwiegend an den Extremen der Einkommensskala. Es werden hoch qualifizierte Jobs zum Beispiel im Management oder im Bereich der Programmierung geschaffen, deren Anforderungen jedoch nur sehr wenige erfüllen können.
Auf der anderen Seite der Einkommensskala werden wir die Logistiker (sog. Picker) wie bei Amazon & Co und immer mehr „Selbstständige“ ohne jegliche Sozialversicherung, wie z.B. die Uber-Fahrer, bekommen. Mit dem Lohn aus diesen Tätigkeiten kann ein Arbeitnehmer in den wenigsten Fällen seine Familie ernähren.
Zudem besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass viele dieser Jobs der nächsten Runde der Digitalisierung komplett zum Opfer fallen werden.

Das heißt, wir müssen andere Konzepte finden, um Menschen zu qualifizieren und zu fördern? Nur so können wir sie in Arbeit bringen?
Häufig hört man von Experten die Aussage, wir müssen die Menschen „nur“ besser qualifizieren, dann können sie auch anspruchsvollere Jobs erledigen und alles wird gut. Unabhängig davon, dass meiner Einschätzung nach die Jobs ohnehin weniger werden, ist die Qualifikation von Menschen ein sehr anspruchsvolles Thema.
Schon heute gelingt es uns häufig nicht, den über 50%-igen Anteil der jungen Menschen mit einem Haupt- oder Realschulabschluss in ein Berufsleben zu bringen, welches nicht im Niedriglohnsektor angesiedelt ist. Ein mit vielen Unsicherheiten verbundenes Leben ist die Folge. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist – wenn überhaupt – nur mit großen Einschränkungen möglich.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder ein Grundeinkommen gefordert. Ist dieses eine Möglichkeit, den sozialen Frieden zu gewährleisten?
Ja, davon bin ich überzeugt. Es ist doch ganz einfach so, dass wir uns als Gesellschaft etwas überlegen müssen, wie wir damit umgehen, dass es nicht mehr genug (bezahlbare) Arbeit für alle geben wird. Das Grundeinkommen kann eine Lösung für diese Herausforderung sein. Im Vergleich zu der aktuellen Hart IV- Politik gibt es den Menschen ihre Würde zurück. Menschen müssen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, auch wenn sie keinen (bezahlten Vollzeit-) Job haben.
Mit der Forderung nach einem Grundeinkommen bin ich ja nicht alleine. Götz Werner, der Gründer von dm, ist sicher einer derjenigen, der sich am längsten sehr engagiert für ein solches Grundeinkommen einsetzt. Es scheint, dass seine Rufe langsam nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch im Top-Management von IT-Unternehmen und in der Politik angekommen sind. Sowohl Telekom Chef Timotheus Höttges, als auch der SAP Vorstand Bernd Leukert sowie der US-Ökonom und Ex-Arbeitsminister Robert Reich sind prominente Fürsprecher für ein Grundeinkommen.

Ein häufig genanntes Argument gegen ein Grundeinkommen lautet: „Dann arbeitet ja keiner mehr“. Wie stehen Sie Herr Suikat hierzu?
Ich bin davon überzeugt, dass nur wenige Menschen deswegen Zuhause bleiben werden, weil es ein Grundeinkommen gibt. Arbeit hat weit mehr Funktionen als nur Geldverdienen. Menschen möchten etwas beitragen. Innerhalb ihrer Familie, aber auch innerhalb der Gesellschaft. Sie möchten etwas leisten, auf etwas, was sie gemacht haben, stolz sein. Sie möchten mit anderen Menschen zusammenarbeiten, etwas gemeinsam erreichen.
Das Bild von dem rein am Eigennutz orientierten homo oeconomicus ist ein Zerrbild. Das haben viele Untersuchungen gezeigt. Schauen Sie sich das ehrenamtliche Engagement in Deutschland an. Im Jahr 2015 haben sich rund 13,5 Millionen(!) Menschen freiwillig und ohne Bezahlung als Übungsleiter in Sportvereinen, in sozialen Organisationen oder in Bürgerinitiativen engagiert.
Mit dem Grundeinkommen hätten Menschen die Chance, dass zu machen, was ihnen wichtig ist. Was eine Herzensangelegenheit für sie ist. Ich bin davon überzeugt, dass wir nach dem enormen technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte nun auch sozialen Fortschritt brauchen. Das wird uns wieder mehr zum Menschsein bringen.
Und das ist dringend nötig!

Digitalisierung und Freiheit ist dieses nicht Utopie, da wir immer mehr in allen Bereichen kontrolliert, überwacht und reguliert werden?
Bei allen Vorteilen, die die Digitalisierung mit sich bringt, sind wir als Gesellschaft aufgefordert, ein paar Leitplanken zu setzen. Bei dem Thema Arbeit besteht langsam aber sicher ein Problembewusstsein, bei dem Thema Freiheit leider nicht. Ich war sehr betroffen, als ich den Film Citizenfour über Edward Snowden gesehen habe. Hier wird hautnah berichtet, wie ein ganz normaler Mensch sich entscheidet, sein Leben in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Er konnte seine Tätigkeit für die NSA nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren und sah sich aufgerufen, aufzuklären über das, was im Rahmen der Digitalisierung an Daten über uns anfällt, aber vor allem von den Geheimdiensten gesammelt und verknüpft wird.
Noch betroffener bin ich über die Reaktionen. Sowohl von unserer Regierung, aber auch von uns allen. „Ich habe ja nichts zu verbergen“ ist ein Satz, der in diesem Zusammenhang gerne fällt. Das mag für den Moment richtig sein. In einer gut funktionierenden Demokratie sind die Gefahren vermutlich tatsächlich eher gering. Wie schnell die Dinge sich ändern können, müssen wir derzeit in der Türkei beobachten. Rund 100.000 Menschen ließ Staatspräsident Erdoğan bislang entlassen, verhaften oder suspendieren. Solche Säuberungsaktionen sind nicht zuletzt dank der Digitalisierung schnell und effizient zu organisieren.
Alles was wir im Internet tun, hinterlässt Spuren. Jede Google-Suche, jeder Beitrag in einem Forum, unsere Facebook-Freunde sind ebenso bekannt wie unseren letzten Einkäufe. Wie oft wir die Seite unserer Bank angesurft haben und welche Themen uns insgesamt interessieren. Das alles nur aus einem Grund: Um uns eine perfekt auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Werbung zukommen zu lassen und uns so zum Kauf von noch mehr Produkten zu bewegen. Wenn man mal genauer darüber nachdenkt: Ist das nicht irgendwie krank? Obwohl ich keinen Facebook-Account habe, verfolgt Facebook mich nahezu auf jeder Website.
Zurück zu den Geheimdiensten. Spätestens seit Edward Snowden wissen wir alle, dass die Geheimdienste darauf aus sind, möglichst viele Daten zu speichern. Die Digitalisierung spielt den Geheimdiensten in mehrerlei Hinsicht zu. Zum einem wird unser Leben immer digitaler, allein in unseren Smartphones ist alles enthalten, um ein detailliertes Profil von uns zu erstellen. Smartmeter zuhause sammeln in Zukunft Daten, aus welchen man unsere Lebensgewohnheiten ablesen kann.
Zum anderen werden die Internetkonzerne immer einfallsreicher, was unsere Verfolgung im Internet aber auch zunehmend mehr in Geschäften, im öffentlichen aber auch privaten Raum anbelangt. In den Augen von den großen (Internet-) Konzernen verkommen wir mehr und mehr zu konsumierenden Objekten, die man in möglichst vielen Lebenssituationen mit möglichst präzisen Angeboten und Manipulationstechniken auf Basis der unter fragwürdigen Methoden gewonnenen Daten zu immer mehr Produktkäufen animieren möchte.
Last but not least werden dank der Digitalisierung Speicherplatz und Rechnerkapazitäten immer billiger. So macht es aus Sicht der Geheimdienste durchaus Sinn, erst einmal alles zu speichern und sukzessive immer bessere Auswertung über die von uns gesammelten Big Data zu fahren.
Allein der Gedanke daran bringt eine Unfreiheit mit sich. Manche Dinge googelt man nicht, weil man Angst hat, sich verdächtig zu machen. Oder das das irgendwann einmal gegen einen verwendet werden könnte. Wir verhalten uns mehr und mehr so, wie es von uns erwartet wird. Nicht so, wie wir es in absoluter Freiheit tun würden.
Harald Welzer beleuchtete die Gefahren in seinem aktuellen Buch „Die smarte Diktatur“ sehr eindringlich. Auch wenn ich grundsätzlich eine positivere Grundhaltung habe, halte ich es für dringend erforderlich, dass wir uns auch und gerade in der digitalen Gesellschaft für Freiheit engagieren.

Die spannendste Frage am Schluss Herr Suikat. Was muss passieren, damit die Digitalisierung ein Gewinn für alle wird? Und wie soll der Gewinn für Unternehmen und Mitarbeiter genau aussehen?
Global betrachtet kann die Digitalisierung nur dann ein Gewinn für alle werden, wenn sie nicht auf die hoch industrialisierten Länder beschränkt bleibt. Wenn insbesondere die Erträge aus der Digitalisierung nicht im Wesentlichen bei denjenigen verbleiben, die schon jetzt überproportional privilegiert sind. Anderenfalls führt sie zur weiteren Spaltung der Welt, dann gibt es nicht nur eine dritte, dann gibt es eine vierte, fünfte Welt.
Wenn wir den Fokus enger, auf Europa und Deutschland legen, sind wir als Gesellschaft aufgefordert, die Auswirkungen der Digitalisierung insgesamt breiter zu diskutieren. Und vor allem gemeinsam zu gestalten. Als Unternehmer, als Mitarbeiter und Bürger. Wir dürfen die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen nicht nur den großen Unternehmen überlassen.
Wir haben schon jetzt sehr unfaire Wettbewerbsbedingungen. Unabhängig davon, dass die großen Unternehmen schon alleine auf Basis der Größe massive Skalierungsvorteile haben, zeigen diese sehr häufig auch im Vergleich zu mittelständischen Unternehmen deutlich weniger Verantwortung für die Gesellschaft.
Wir müssen dafür kämpfen, dass nicht nur die mittelständischen Unternehmen ihre Steuern zahlen, während die Konzerne Steueroasen nutzen. Wir müssen uns dafür engagieren, dass die in den Unternehmen erwirtschaften Gewinne nicht nur einer kleinen Anzahl (reichen) Personen zufließen.
Wir müssen uns dafür einsetzen, dass das Kartellrecht konsequent eingehalten, vielleicht sogar auch verschärft wird.
Wir müssen den Geheimdiensten zeigen, dass wir für das Schlagwort „Terrorbekämpfung“ unsere Freiheit nicht aufgeben möchten.
Wenn wir die richtigen Leitplanken setzten und gleichzeitig die Chancen der Digitalisierung in die Mitte der Gesellschaft holen, dabei dafür Sorge tragen, dass insbesondere mittelständische Unternehmen davon partizipieren können, haben wir die Chance auf eine langfristig freie, ebenso moderne wie stabile Gesellschaft. Diese kann durch eine Vielzahl von smarten, resilienten Unternehmen mit wertschätzenden Arbeitsplätzen sowie einem Grundeinkommen Wohlstand für alle bringen. So könnte von Deutschland als eine der führenden Industrienationen ein wichtiges Signal ausgehen, wie zukunfts- und enkelfähiges Wirtschaften gestaltet werden kann.


Avatar of Redaktion

Der Gründer, Initiator und Vorsitzender des Aufsichtsrats von Fairantwortung, Ralph Suikat, ist von den Machern der Internetseite „startups-im-internet.de“ interviewt worden. Hier der genaue Wortlaut:
Heute stellen wir Ihnen Herrn Ralph Suikat vor. Herr Suikat hat erfolgreich ein Startup im Bereich der IT und Recht aufgebaut und dieses über 20 Jahre geleitet. Heute beschäftigt er sich rund um das Thema „Nachhaltige Unternehmensführung“ und mit der Verantwortung, die Unternehmer oder Entrepreneurs für Ihr Unternehmen tragen.

Herr Suikat, aus welchem Grund beschäftigen Sie sich mit dem Thema Nachhaltige Unternehmensführung?
Ich habe für einen Unternehmer einen eher untypischen Lebenslauf. Nach meinem Studium zum Dipl. Verwaltungswirt (FH) war ich zunächst 9 Monate im öffentlichen Dienst tätig. Da war es mir irgendwie zu eng, so dass ich in die Privatwirtschaft gewechselt bin. Zum 1.1.1993 habe ich mich mit meinem Geschäftspartner im Bereich von Softwarelösungen für Rechtsanwälte selbständig gemacht. Aus privaten Gründen, der Krankheit meiner Frau, habe ich mich im Sommer dieses Jahres von meinen Firmenanteilen getrennt.
Mir war es immer ein Anliegen, dass möglichst alle Beteiligten im Umfeld des Unternehmens sich wohl fühlen. Natürlich muss ein Unternehmen Gewinne erwirtschaften, aber das ist nicht alles. Darüber hinaus besteht meines Erachtens auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Das gilt natürlich in erster Linie für die Mitarbeiter, aber auch faire Beziehungen zu unseren Lieferanten waren mir wichtig.
In Zeiten, in denen gerade bei Konzernen Gewinnmaximierung und Steueroptimierung über allem stehen, bleiben immer mehr Mitarbeiter, die Gesellschaft und nicht zuletzt die Umwelt auf der Strecke.
Ich finde, hier können wir nicht einfach zusehen. Das war für mich auch eine Motivation, die als gemeinnützige AG organisierte Unternehmerinitiative Fairantwortung www.fairantwortung.org ins Leben zu rufen. Hier geht es darum, gemeinsam mit anderen Unternehmern an einem faireren Wirtschaftssystem zu arbeiten.

Die Startup Branche ist ja meist ja mit schillernden Persönlichkeiten gut in der öffentlichen Wahrnehmung vertreten, aber nicht mit dem Thema nachhaltige Unternehmensführung verbunden. Warum ist hier das Thema nicht von Interesse?

Das ist eine gute Frage. Auf der einen Seite ist das Thema Nachhaltigkeit in aller Munde, es gibt ja fast kein Produkt mehr, das nicht in irgendeiner Weise als nachhaltig beschrieben wird; kein Unternehmen, welches sich nicht nachhaltig positioniert. Auf der anderen Seite genießen die Unternehmer, die gründen, um die Welt zu ändern, derzeit noch zu wenig Aufmerksamkeit.
Derzeit fallen bei den Beobachtern der Startup-Szene vor allem diejenigen auf, die laut sind und deren Geschäftsmodell am besten skaliert. Am interessantesten sind in der Regel die Startups, die mit denen sich am meisten Geld verdienen lässt. Der Impact der Startups auf die Gesellschaft genießt eine absolut untergeordnete Bedeutung.
Sich um Nachhaltigkeit und eine bessere Zukunft für unsere Kinder zu kümmern, gilt im Moment nur in kleineren Kreisen als sexy. Meist sind diejenigen, die das tun, auch nicht so erpicht, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Ein weiterer Grund, warum die öffentliche Wahrnehmung gering ist.

Herr Suikat, erkennen Sie eine Entwicklung im Bereich Startup, bei der das Thema nachhaltige Unternehmensführung anderes angegangen wird? In einem älteren Beitrag hatten wir ja schon das Thema Demokratische Führung von Startups.
Erfreulicherweise gibt es ja zahlreiche Plattformen wie zum Beispiel Ashoka oder andere  zur Förderung von Social Entrepreneurs. Auch die Agentur für soziale Innovationen, die in den Social Impact Labs auch Social Startups aktiv unterstützt  oder auch die Venture-Capital Firma BonVenture, die ähnlich wie auch Ananda Venture Kapital für Social Enterprises zur Verfügung stellt. Dennoch ist es so, dass die Schlagzeilen von den auf maximalen Profit fokussierten Startups beherrscht werden.
Außer Muhammad Yunus, dem Vater des Mikrofinanzkonzepts, und Bas van Abel, dem Gründer von Fairphone, kennt vermutlich kaum jemand einen Sozialunternehmer.
Ein schönes Beispiel, was passieren kann, wenn man die Sache in den Vordergrund stellt, ist das niederländische Unternehmen Buurtzorg. Unter dem Leitspruch „humanity above bureaucracy“ hat der sympathische Jos de Blok zunächst einfach nur einen Pflegedienst gründen wollen, in dem er als Krankenpfleger seiner Berufung nachkommen und für die zu Pflegenden da sein konnte. Genervt von der Bürokratie in dem Pflegedienst, in welchem er selbst angestellt war, trat er 2007 mit drei Mitstreitern an, in dem von ihm gegründeten Pflegedienst die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Erfolgsstory ist einzigartig. Heute sind bei Buuertzorg knapp 10.000 (!) Menschen beschäftig, die sich in kleinen Teams von 10-12 Mitarbeitern weitestgehend selbst organisieren. Ein Team von rund 50 Mitarbeitern übernimmt alle administrativen Aufgaben, so dass die Pflegeteams sich ganz auf die Pflege konzentrieren können. Eine mittlere Managementebene gibt es nicht.
Jos de Blok macht mit diesem Konzept eine erstaunlich große Anzahl von Menschen glücklich. Da sind zum einen die jährlich rund 70.000 Pflegebedürftigen, die davon profitieren, dass oberstes Ziel von Buuertzorg die Sicherstellung eines möglichst selbstbestimmten und selbstständiges Leben des Betreuten ist. Auch der Spaß kommt nicht zu kurz, wenn zum Beispiel ein Rollator-Wettrennen ausgeschrieben wird. Aber auch die rund 10.000 Mitarbeiter scheinen sehr glücklich zu sein. 2015 wurde Buurtzorg zum fünften Mal als Arbeitgeber des Jahres in den Niederlanden ausgezeichnet. Das darüber hinaus auch die Krankenkassen sehr zufrieden mit der Arbeit von Buurtzorg sind, sei nur am Rande vermerkt. Durch die höhere Selbständigkeit der Patienten fallen insgesamt weniger Pflegekosten an.
Jetzt kommt ein weiterer interessanter Punkt. Natürlich gibt es auch für Buurtzorg die unliebsamen Dokumentationspflichten und administrative Tätigkeiten. Da diese von den Pflegemitarbeitern nicht wirklich geschätzt werden, hat man sich sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie IT das Leben aller Beteiligten leichter machen kann. Alle haben sich eingebracht und überlegt, wie das optimale System aussehen müsste.
Das eigens entwickelt buurtzorgweb ist CRM/ERP-System und Austauschplattform in einem. Jede Pflegekraft hat ein Tablet für die erforderlichen Dokumentationen. Dadurch sind alle Teammitglieder immer sofort und umfassend über den aktuellen Status und Besonderheiten bei einzelnen Patienten informiert. Ebenso findet ein intensiver Wissensaustausch über die Plattform statt. Sobald ein Team eine Idee zur Verbesserung der Betreuung (z.B. Sturzprävention) erarbeitet hat, steht diese allen anderen Teams zur Verfügung.
Einstein hat einmal gesagt, dass wir die Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen können, durch die sie entstanden sind.
Von daher finde ich grundsätzlich alle Ansätze spannend, die sich der Gründung oder Führung von Unternehmen unter anderen Aspekten nähern. Die von Ihnen angesprochenen Überlegungen von Dr. Andreas Zeuch, mit welchem ich mich in einem engen Austausch befinde, zur Demokratisierung von Unternehmen ist ein solcher Ansatz. Konsequent zu Ende gedacht, bräuchte ein umfänglich demokratisches Startup auch eine andere Art von Investoren. Nämlich solche, die die Idee des Unternehmens, aber auch die demokratisch erfolgten Entscheidungen mittragen.

Wenn man diese Erfolgsstory hört – wie können deutsche Startups davon profitieren?

Ich denke, dass ganz Entscheidende ist: Mach als Gründer Dein Ding! Überlege Dir, warum Du Dein Unternehmen gründest. Was Du damit an positivem Impact auf die Gesellschaft erreichen willst. Welches Problem Du bei Deinen Kunden lösen willst. Natürlich bedarf es eines soliden Businessplans, mach den aber in allererster Linie für Dich und erst in zweiter Linie für etwaige Investoren. Außerdem ist echt wichtig, dass genug Zeit für die eigentliche Leistungserbringung bleibt. Buuertzorg ist auch deshalb so erfolgreich geworden, weil die IT die Routineaufgaben bestmöglich unterstützt.

Die Digitalisierung gibt also den Startups mehr Chancen?
Ja, absolut. Viele Geschäftsmodelle von Startups gäbe es ohne die Digitalisierung nicht. Aber auch bei Startups die -wie buurtzorg- zunächst vordergründig nichts mit IT zu tun haben, ist die IT ein wichtiger Erfolgsfaktor. Sie erlaubt es den Gründern, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und dem größer werdenden Team „in the loop“ zu bleiben.
Die Digitalisierung bietet große Vorteile, wenn es um die Erledigung von Routineaufgaben geht. Es gibt immer mehr und bessere Lösungen, aber auch gute Services, die Gründern bei Standardthemen wie Buchhaltung, Personalabrechnungen etc. entlasten können. So kann man sich viel besser auf das eigentliche Business und vor allem die Kunden konzentrieren.

Herr Suikat, wie wollen Sie das Thema nachhaltige Unternehmensführung und Digitalisierung zusammen bringen?
Ich freue mich sehr, dass ich von Markus Besch, dem Initiator des SocialMedia Institutes anlässlich der fokussierten Ausrichtung und Umfirmierung seines Unternehmens in die nextDBI AG nach einer Unterstützung in Form einer Tätigkeit im Aufsichtsrat angefragt worden bin. Dass die nextDBI AG mittelständischen Unternehmern auf Grund der jahrzehntelangen Erfahrungen im Bereich der digitalen Welt umfassende Unterstützung bei der Transformation zur Verfügung stellen kann, steht außer Frage.
Markus hatte mich dann aber zusätzlich auch mit seinem Engagement für den Impact Hub in Stuttgart geködert. Über den Impact Hub werden insbesondere Social Startups gefördert. Darüber hinaus ist Markus mit seinen eigenen Erfahrungen, aber natürlich auch mit seinem Team und dem sehr großen Netzwerk bestens dafür aufgestellt, sozial motivierte Startups zu begleiten.
Meinen Part als aktiven Aufsichtsrat sehe ich darin, das Thema Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung noch stärker in die Leistungspalette zu integrieren. Ebenso wie etablierte Unternehmen profitieren auch Startups in den allermeisten Fällen durch ein höheres Maß an Resilienz.
Erfreulicherweise kann die nextDBI auch und gerade Startups ein umfassendes Leistungsspektrum anbieten. Von der Unterstützung bei der Erstellung des Businessplans über Business-Development hin zu Kontakten zu Investoren deckt Markus mit seinem Team alles ab. Aber auch ganz profane und operative Fragen sind bei nextDBI gut aufgehoben. Zum Beispiel welches Tool sich in welcher Phase am besten eignet, um das Team und die Stakeholder auf dem Laufenden zu halten. Oder mit welcher SocialMedia-Strategie die größte Aufmerksamkeit zu erwarten ist. In Fällen mit einem besonderen sozialen Impact ist auch ein schnelles und unkompliziertes Direktinvest aus dem Gesellschafterkreis der nextDBI denkbar.

Das hört sich ja als Chance an für jedes Startup an. Was möchten sie Gründer zum Abschluss noch mit auf den Weg geben?
Liebe Gründer, toll, dass ihr Verantwortung übernehmt. Denkt bei Euren Geschäftsmodellen auch an deren Impact auf die Gesellschaft. Geld verdienen ist wichtig, keine Frage. Manchmal merkt man erst später, dass Reichtum und Macht am Ende recht wackelige Säulen von Glück und Zufriedenheit sind. Lasst Euch nicht blenden, zieht aus und macht die Welt gemeinsam mit anderen Social Entrepreneurs zu einem besseren Ort. Es ist dringend erforderlich!


Avatar of Redaktion

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Treffen die Worte von Mahatma Gandhi zu, ist Deutschland eine echte Hochkultur und ein wahres Paradies für Heimtiere. Geht es um die tierischen Begleiter, sitzt der Geldbeutel besonders locker. Futter, Käfige, Halsbänder, Arztbesuche, Urlaubs-Pensionen, Hunde-Schulen – für all das und noch viel mehr geben die Deutschen über 9,1 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 0,32 Prozent, laut einer mit „Wirtschaftsfaktor Heimtierhaltung“ überschriebenen Studie der Universität Göttingen. Diese weist auch nach, dass dadurch 200000 Arbeitsplätze entstanden sind. 

Und ein Ende ist nicht in Sicht. Für 2015 vermeldet der Industrieverband Heimtierbedarf ein Wachstum von 2,2 Prozent. Der Star dabei ist der Hund. Über Mangelernährung kann der sich wahrlich nicht beklagen. Um 4,6 Prozent legte der Markt für Hundefutter im Vorjahr zu. In absoluten Zahlen sind das über 1,3 Milliarden Euro und wenn das Wachstum so weiter geht, ist er bald Umsatzprimus. Den Titel trägt noch der „ewige Rivale auf vier Pfoten“, die Katze. Für 1,6 Milliarden Euro geht derzeit Katzennahrung über die Ladentheke. Und das, obwohl hierzulande deutlich häufiger Gemiaut wird als Gebellt (12,9 Millionen zu 7,9 Millionen).

Bei der Betrachtung des Gesamtmarktes hat Bello längst die Mieze abgehängt. Die Göttinger Wissenschaftler beziffern den Umsatz der Hundehaltung auf 4,6 Milliarden Euro (Katzen: 3,3 Milliarden Euro), das sind mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der Heimtierbranche. Ein Segment boomt dabei besonders, das mit der gesunden Ernährung. Futter in Lebensmittelqualität mit Rohstoffen aus der Region und ohne Zusatzstoffe, das ist ein unbestreitbarer Trend. „Ich ernähre mich gesund, also soll mein Hund das auch“, beschreibt Anna Jetter vom Auenland-Konzept in Geislingen das. Die Futtermanufaktur für Tiernahrung verzeichnet ein steigendes Interesse an solchen Produkten. „Vor allem sind die Besitzer deutlich besser informiert und hinterfragen vieles kritisch.“ Dem trägt das Auenland-Konzept Rechnung. Zwei Mitarbeiterinnen tun nichts anders, als den ganzen Tag telefonische Ernährungsfragen zu beantworten.   Steigt die Nachfrage, steigt ebenso das Angebot. Abzulesen an der Zahl der Start-ups. Einer davon ist Carnupuru – eine Wortschöpfung, die soviel wie „Pures Fleisch“ bedeutet. Pur bedeutet in dem Fall Hunde- und Katzenfutter in Lebensmittelqualität, ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker. Zwei Jahre investierte Gründer Sascha Traber in die Planung. Und was unternahm der Stuttgarter nicht alles im Vorfeld. Tüftelte lange Zeit gemeinsam mit Tierärzten an den richtigen Rezepturen herum, informierte sich ausgiebig bei Hundetrainern und löcherte jeden Hundebesitzer, der ihm über den Weg lief. „Es gibt zwar jede Menge Marktanalysen, aber der beste Weg die wahren Kundenwünsche herauszufinden, ist das persönliche Gespräch.“ Ein Prinzip, dem er treu bleibt. Nach jeder Bestellung ruft der 32-Jährige die Kunden an und holt sich die entsprechende Resonanz ein. „Natürlich funktioniert das irgendwann nicht mehr. Aber bis dahin habe ich hoffentlich schon genügend Informationen gesammelt.“

Die zahlreichen Neugründungen sieht Anna Jetter sehr gelassen: „Ich habe schon viele kommen und wieder gehen sehen.“ Auf jeden Fall kann sie auf eine Menge Erfahrung zurückblicken. Immerhin existiert das Auenland-Konzept bereits seit 14 Jahren. „Das ist kein leichtes Business, zu dem viel Herzblut und Wissen gehören.“ Immerhin fügt sie in typisch schwäbischem Understatement hinzu, dass man davon leben könne.

Damit ist auch schon die erste Gemeinsamkeit mit Carnupuru genannt. Sascha Treiber bezeichnet sich selbst als „schwäbischen Kassenwart“. So emotional das Thema ist, so rational betreibt der Betriebswirt das Geschäft. „Es muss sich rechnen“, ist einer seiner Lieblingssätze. Bestellungen unter 49 Euro – völlig unrentabel. Der Betriebswirt hat alles genau durchkalkuliert. Standardisierte Prozesse, Wachstum nicht um jeden Preis, Konzentration auf das Wesentliche, lauten seine Maxime. Letzteres heißt in seinem Fall Konzentration auf den Verkauf, seine Stärke. Alles andere ist vollautomatisiert oder an Dienstleister ausgelagert. Zum Pragmatismus gehört auch, dass er den Job als Einkäufer in der Automobilindustrie nicht aufgibt. „Das habe ich von meinen Großeltern gelernt, nicht alles auf eine Karte zu setzen.“

Auf jeden Fall scheint sein Plan aufzugehen. Seit rund drei Monaten ist er nun auf dem Markt. „Von Anfang an profitabel“, verkündet er nicht ohne stolz. Und die Anfangsinvestition von 10000 Euro habe sich wohl bis Mitte nächsten Jahres amortisiert. „Dazu brauchen andere deutlich länger.“

Der Geschäftsplan sieht ebenso für 2017 vor, den stationären Handel als weitere Verkaufsschiene zu gewinnen – allerdings beschränkt auf Bio-Märkte. Bisher setzt er auf den eigenen Online-Shop. Auch das eine Gemeinsamkeit mit dem Auenland-Konzept. „Solch ein Geschäftsmodell ist eigentlich nur möglich mit einem Direktverkauf“, weiß Anna Jetter aus ihrer langjährigen Praxis. Start-up und Auenland-Konzept teilen ebenfalls die Entstehungsgeschichte. Bei Sascha Traber waren es seine beiden Katzen, die auf konventionelles Futter allergisch reagierten, Hautauschschlag und Kratzattacken inklusive. „Ich dachte, das geht doch besser“. Beim Denken ist es bei ihm ebenso nicht geblieben wie bei der Gründerin vom Auenland-Konzept. Die Tierheilpraktikerin stellte immer häufiger den Zusammenhang industriell gefertigter Futtermittel und zahlreicher Beschwerden der vierbeinigen Patienten fest. Haarausfall, stumpfes Fell, Ohrenentzündungen, Durchfall, Verstopfung, Diabetes, Zahnausfall, Gelenkprobleme, Krebs –die Liste ist lang mit möglichen Folgen. „Nicht jedes Tier reagiert so, aber die Allergien nehmen wie beim Menschen zu“, so Anna Jetter. 

Deshalb legen beide größten Wert auf beste Inhaltsstoffe und eine entsprechende Herstellung nach Lebensmittelstandard. Wenngleich sie dabei unterschiedliche Wege gewählt haben. Sascha Traber setzt komplett auf eine handverlesene Fremdproduktion. „Alles wird dabei von mir vorgegeben und zudem machen wir unabhängig davon noch eigene Analysen von jeder Charge.“ Dagegen setzt Anna Jetter auf die eigene Herstellung. Erst kürzlich investierte das Auenland-Konzept in eine neue Produktionsstätte. „Das menschliche Auge ist nach wie vor die beste Qualitätskontrolle.“ 

Und Qualität spielt eine immer größere Rolle, zumal „der Stellenwert von Hund und Katze inzwischen ein anderer ist“, haben beide festgestellt. Oder wie es die Studie der Universität Göttingen beschreibt: „Viele frühere Nutztiere oder gar ‚Schädlinge’ werden heute in der Wohnung gehegt und gepflegt, bereichern unser Leben und sind uns viel Wert.“    


Avatar of Redaktion

Da liegen sie, die Vielgepriesenen. Die Tür an der Hauptstraße 37 ist erst einen Spalt breit offen, die gelben, roten, grünen, braunen Pralinen stechen jedoch sofort ins Auge. Äußerst akkurat aufgereiht liegen sie nebeneinander unter der Glasvitrine. So schön der erste Eindruck, so schnell wechselt der Blick. Er wandert ein wenig höher ins schwarze Holzregal. Zwölf Trüffel-Pyramiden sind dort auf identische Weise drapiert, verteilt auf zwei Ebenen. Alles kleine Kunstwerke. Aber keine Zeit zum Verweilen. Da die in Cellophan verpackten Schokotafeln, dort die Tüten mit Trinkschokolade. Und dazwischen Kevin Kugel, der Besitzer.

Nach der kurzen Tour des Sehorgans durch den Laden steht bereits fest: Geschmack und Akribie sind zwei seiner wesentlichen Eigenschaften. Und beim Gespräch kommen gleich noch weitere hinzu, Freundlichkeit und Leidenschaft. Letztere gilt im Besonderen der Schokolade und im Allgemeinen der Qualität. „Schokoprodukte mit einer Haltbarkeit von über einem Jahr, da kann was nicht stimmen“, sagt er mit allem Nachdruck in der Stimme. Zucker, Alkohol, Konservierungsstoffe - und davon jeweils viel – machen es möglich. Dabei seien acht Wochen bis zu einem halben Jahr eigentlich die maximale Lagerzeit, wenn sie denn wirklich frisch sind, die aus dem Samen des Kakaobaumes erzeugten Produkte. Und Kevin Kugel weiß wovon er spricht. Er ist Deutscher Meister der Chocolatiers - sozusagen die oberste Instanz im Lande in Sachen Schokolade. Frische, unverfälschter Geschmack, dafür wirbt er. Das gilt für die verwendeten Bohnen ebenso wie für die Zutaten. Nichts künstliches, alles Natur. Gewürze von ausgewählten Händlern. Kräuter, selbst angebaut. Zwetschgenschnaps, selbst gebrannt. Das hat seinen Preis. 28 Euro kostet ihn die Pistazien-Dose. Pistazien-Aromen wären schon für fünf Euro zu haben. „Qualität steht über allem.“ 

Deshalb fertigt er seine Schokoladenkreationen komplett selbst. Mit einer Ausnahme. Den Hohlkörpern für die Trüffel. Zu aufwändig in der Herstellung, kommen die vom wohl besten Anbieter direkt aus der Schweiz. Die Entstehung einer Praline, die lässt sich bei einem Heißgetränk in aller Ruhe beobachten, denn die Produktion findet im Laden statt. Eine Halbetage höher legen Kevin Kugel und seine drei Mitarbeiterinnen Hand an, rühren die Schokomasse, gießen die Formen, mischen die Füllungen. Und dann kommt sie zum Einsatz, die Air-Brush-Maschine. Mit der werden die Pralinen quasi sandgestrahlt. Sie sorgt für das unverwechselbare Äußere. Übrigens Marke Eigenbau. Die gängigen Marktprodukte genügten nicht seinen Anforderungen. „Ich brauchte eine beheizbare Air-Brush-Pistole, die die Temperatur konstant hält“, erinnert er sich. Also entwickelte er zusammen mit einem Freund ein eigenes Modell. Ein echter Tüftler also.

Das bestätigt sich beim Gang in das Lager. Das würde jedem Baumarkt zur Ehre gereichen. Behälter mit Werkzeug, Plastikrohre in allen möglichen Durchmessern. Dabei ist Kevin Kugel kein passionierter Heimwerker, vielmehr sind das die Utensilien für Unikate. Der Fußball-WM-Pokal im Herbst, der 20-Kilo-Schneemann im Winter. Oder der Porsche GT3 für den Männergeburtstag oder für Schrauben und Muttern für das Autohaus, jeweils komplett aus Schokolade und so detailgetrau, dass sich beispielsweise die Schrauben wirklich in die Muttern drehen ließen. Dazu wird zuerst gebastelt, probiert, ein Modell aus Silikon gebaut.

Solche „Maßanfertigungen“ für Unternehmen, Sternegastronomie und Hotellerie stehen ganz oben im Businessplan von Kevin Kugel – eigentlich. Weiter unten findet da das Ladengeschäft Erwähnung. „Das war nur dazu gedacht zur Herstellung der Produkte und um diese zu präsentieren“, berichtet Kevin Kugel. Aber ein gutes Jahr nach der Eröffnung sieht die Realität anders aus. 80 Prozent des Umsatzes kommt über den Ladenverkauf. „Viel mehr als ich mir jemals vorgestellt habe.“ Zumal der Laden nicht in London, Paris, Zürich oder zumindest Stuttgart steht, sondern in der 5000-Einwohner-Gemeinde Nufringen. Da stammt Kevin Kugel her, dahin kehrte er wieder zurück nach diversen Stationen in der ganzen Republik. „Die Mietkosten waren schlichtweg deutlich günstiger als in einer Großstadt.“  

Koch, Konditormeister, Chocolatier, Betriebswirt – ein Lehrbeispiel für die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung. Dabei hatte der Jungunternehmer bereits früh ein Ziel vor Augen, die Selbstständigkeit. „In der Familie haben fast alle ihr eigenes Geschäft.“ Wobei die eher dem traditionellen Handwerk angehören. So besitzen seine Eltern einen Fließenlegerbetrieb im Ort.

Aber zurück zu Theorie und Praxis eines Businessplans. Der Erfolg des einen Standbeins ließ die Verfolgung des anderen in den Hintergrund treten. „Eigentlich wollte ich schon längst die Firmen in der Region anschreiben.“ Dazu fehlte bisher schlichtweg die Zeit. Aber mit zusätzlichem Personal geht er bald auch dieses Geschäftsfeld an. Wobei eines weder in der Theorie noch in der Praxis in seinem Businessplan vorkommt, der Aufbau eines Filialnetzes. Die kurze Haltbarkeit steht einer bundesweiten Auslieferung im Weg „Das lässt sich mit meinem Qualitätsanspruch nicht vereinbaren.“ Einzig in der benachbarten Landeshauptstadt könnte er sich ein zweites Ladengeschäft vorstellen. Viel mehr schwebt ihm vor, Kunden wie Kollegen nach Nufringen zu holen. Der Anfang hierfür ist gemacht mit Workshops an den Wochenenden. Auch da überrollte ihn die Entwicklung. Zuerst nur an den Samstagen geplant, sind inzwischen zusätzlich bereits fast alle Sonntage ausgebucht. Mittelfristig denkt er an eine Chocolatierschule für Profis wie Laien. Bis dahin dauert es noch. Zuerst steht einmal Ostern ins Haus. Auch da hat sich Kevin Kugel einiges einfallen lassen. So grüßt beim Betreten des Landes nun allerlei auf einer Leiter sitzendes buntes Federvieh den Besucher.   

www.kevinkugel.de          

 

 

 

 

 

 

 


Kontaktieren Sie uns
captcha

Tel.: 0721 - 915 461 - 50

E-Mail: info@fairantwortung.org
Internet: www.fairantwortung.org