Kanalalligatoren

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Es ist eine Geschichte, die einfach nicht totzukriegen ist: In den 1930er Jahren sollen New Yorker Floridaurlauber ihren daheim gebliebenen Sprösslingen aus dem Sommerurlaub niedliche kleine Alligatoren mitgebracht haben, die sie dann später, als die Kinder ihres lebenden Spielzeugs überdrüssig geworden waren, einfach  über die Toilette in die Kanalisation entsorgt hätten. Dort hätten die Reptilien sich an Ratten bzw. Hundeleichen derart gütlich getan, dass sie sich in wenigen Jahren sprunghaft vermehrt hätten. Und auch heute noch würde den Reptilien der eine oder andere unvorsichtige Kanalarbeiter zum Opfer fallen. Und es scheinen sogar  lebende Beweise für diese Existenz  „Kanalalligatoren“ in der Weltmetropole zu existieren. Erstaunlicherweise tauchen in New Yorks Straßen nämlich immer wieder nachweislich Krokodile auf: In den letzten hundert Jahren hat die New York Times insgesamt über fünfzehn mal über Alligatoren, Krokodile oder Kaimane berichtet, die sich in und um New York herumgetrieben haben. Zum Beispiel  sorgte im Juni 2001 ein rund 70 Zentimeter großer Kaiman, der von Reptilienexperten vor laufenden Fernsehkameras lebend aus einem See im Central Park gefischt wurde für Furore: „Damon the caiman“, der heute in einem Zoologischen Garten in Florida zu Hause ist. Im November 2006 wurde dann ein 60 Zentimeter  langer Kaiman vor einem Apartmentgebäude in Brooklyn eingefangen. Nach Angaben von Polizisten „zischte er und schnappte nach Ihnen“.  2010 war dann der Stadtteil Queens an der Reihe, wo ein ebenfalls nur siebzig Zentimeter großer Alligator unter einem parkenden Auto entdeckt worden ist.
Nachforschungen ergaben, jedoch, dass es sich bei all diesen Krokodilen nicht etwa um „Kanalkrokodile“ sondern um ehemalige „Terrarienkrokodile“ handelte, die nach einigen Jahren offensichtlich  für die Wohnungshaltung zu groß geworden waren, und deshalb von ihren Besitzern in den Parks der Stadt ausgesetzt worden waren.
Und was sagt die Wissenschaft zu der Möglichkeit, dass Krokodile in der New Yorker Kanalisation hausen? Die meisten Reptilienkundler halten es gleich aus mehreren Gründen für unmöglich, dass Alligatoren über einen längeren Zeitraum in der Ney Yorker Kanalisation überleben können: Zum einen bevorzugen Krokodile  warme Gebiete und scheuen Kälte und kaltes Wasser. Alligatoren und Kaimane können zwar Kälte deutlich besser vertragen, als zum Beispiel Nil- oder Leistenkrokodile.  Ein Mississippi-Alligator  kann sogar über einen kurzen Zeitraum selbst Minusgrade unbeschadet überstehen. Aber  fünf Monate New Yorker Winter, das hält selbst der stärkste Alligator nicht aus. Zum anderen sind Krokodile in erster Linie Fleisch- und keine Aasfresser und außer Ratten gibt es in der Kanalisation kaum etwas, womit die großen Echsen auf Dauer ihren Appetit stillen könnten.
Nicht gerade förderlich für die Gesundheit unterirdisch lebender Panzerechsen wäre auch der, im Untergrund herrschende, permanente Mangel an Sonnenlicht, das  die Reptilien nicht nur brauchen, um sich aufzuwärmen, sondern auch, um in ihrer Haut  das, für die Knochenbildung so wichtige, Vitamin D zu bilden. Ohne Vitamin D könnten die Krokodile nämlich kein Kalzium aus dem Darm aufnehmen und in ihr Skelett einlagern. Die Folgeerscheinungen wären für die Echsen äußerst unangenehm: Eine schmerzhafte Knochenerweichung, die zu Muskelschwächen, Skelettdeformationen und damit letztendlich zum Tod führen würde.
Intime Kenner der New Yorker Kanalisation  nennen noch einen vierten Grund, warum ein Alligator auf keinem Fall im Kanalsystem der Millionenmetropole überleben kann: Das Kanalisationswasser ist nämlich derart mit giftigen Schadstoffen belastet, dass die Echsen darin innerhalb kürzester Zeit jämmerlich zu Grunde gehen würden.
Übrigens:  Erkundigt man sich heute beim für die New Yorker Kanalisation zuständigen "Department of Environmental Protection“ nach den Untergrundalligatoren, bekommt man stets zu hören, dass in den unteririschen Kanälen der Metropole zwar durchaus eine ganze Menge seltsamer Dinge auftauchen würde, darunter wären aber niemals Alligatoren. Eine Tatsache, die die New  Yorker  Behörde jedoch keineswegs davon abhält, mit großem Erfolg in ihrem Geschenkshop T-Shirts zu verkaufen, auf denen unter dem Slogan  „Die Legende lebt“ ein fröhlich lächelnder Kanalisationsalligator abgebildet ist.

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